Aus dem Freiwilligenalltag

Projektbericht von Laurenz Schmitz 2022/2023 in Israel

Laurenz Schmitz war bis August 2023 Freiwilliger in Jerusalem, lesen Sie hier Auszüge aus seinem Projektbericht.

Der ASF-Freiwillige Laurenz Schmitz mit der 99-jährigen Eva, nach einem der wöchentlichen Besuche.

Ich arbeite in der Katalogisierungsabteilung der Holocaustgedenkstätte Yad VaShem. Desweiteren treffe ich bei Amcha die zwei Holocaustüberlebenden Eva und Erika einmal die Woche. In diese beiden Tätigkeiten möchte ich euch gerne einen kleinen Einblick geben.

Yad VaShem

Wie fühlt es sich nun an als Deutscher nicht nur in Yad VaShem zu stehen, sondern dort auch zu arbeiten?

Ich war zum ersten Mal mit den anderen Freiwilligen, während unseres Orientierungsseminars dort. Wir haben dort ungefähr vier bis fünf Stunden verbracht und eine Führung über Teile des Geländes und durch das Museum zur Geschichte des Holocausts gemacht. Die fünf Stunden waren eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust, eine einzige Überflutung mit Informationen und Gefühlen.

Man schreitet durch das Museum, angefangen mit Ausstellungsgegenständen zur antisemitischen Verfolgung vor dem Krieg, gefolgt von einem Nachbau der bekanntesten Ghettos und schließlich kommt man durch die Ausstellung mit den bekanntesten Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Dieser Teil des Museums hat in mir neben einer zu erwartenden Verstörung und Ermattung vor allem eines hervorgerufen: Ein Gefühl der Schuld. Keine wirklich direkte Schuld, da meine Vorfahren zwar in bestimmten Maßen als Soldaten am Krieg beteiligt gewesen waren, aber nicht etwa Teil der Einsatzgruppen oder der KZ-Wachmannschaften gewesen waren und ich in vierter Generation nach dem Krieg ja nicht Teil der Ereignisse war.

Doch der Gedanke, dass all dies in der Vergangenheit des Landes geschehen konnte, in dem ich aufgewachsen bin und es bei weitem nicht garantiert ist, dass so etwas nie wieder geschehen kann, dieser Gedanke weckt ein beklemmendes Gefühl und wahrscheinlich auch die Verantwortung etwas dagegen zu halten und sich in Projekten wie in Yad VaShem zu engagieren.

Am eindrucksvollsten war für mich aber nicht die Darstellung all des Horrors und der Geschichten, sondern die „Hall of Names“.

An diesem Ort wird einem erst die Dimension und auch die wahre Verantwortung Yad VaShems klar. Die Halle der Namen ist genauso gebaut, dass in ihre Regale Ordner mit 6 Millionen Gedenkblättern passen. Ein Gedenkblatt ist was jemand mit dem Namen einer Jüdin oder eines Juden, der oder die im Holocaust ermordet wurde ausfüllt und mit so vielen Informationen wie möglich füllt. Erst diese Halle schafft es die Dimension des Holocausts ein bisschen wirklicher werden zu lassen. Außerdem ist klar, dass es ohne diese Halle vermutlich sonst fast kein Gedenken an die Millionen von Ermordeten gäbe und die Nazis ihr Ziel, das Judentum aus der Gegenwart zu löschen, erreicht hätten.

Inwiefern kann sich nun ein deutscher Freiwilliger von ASF in dieser riesen Gedenkstätte engagieren?

Ich arbeite im deutschsprachigen Teil in der Katalogisierungsabteilung. Ich übersetze dort Zeitzeugenberichte über den Holocaust. Die können von Überlebenden, Widerstandskämpfern, Soldaten oder vielen anderen stammen. Die Aufgabe ist sie zusammenzufassen, diese Zusammenfassung zu übersetzen und in die Interne Datenbank von Yad VaShem einzupflegen: also jüdische Namen vermerken, Orte der Verfolgung eintragen und eine Stichwortliste passend zum Bericht erstellen.

Die Zusammenfassungen meiner Abteilung sorgen dafür, dass viele der zahlreichen deutschsprachigen Dokumente nicht nur 6-stellige Nummern im Yad VaShem internen System sind, sondern man sie schnell und ohne viel suchen finden und verstehen kann, auch wenn man kein Deutsch spricht.

Wie man sich vorstellen kann ist diese Arbeit psychisch etwas, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Aber man gewöhnt sich mit der Zeit an das Grauen das man dort Tag für Tag liest. Zu Beginn haben mich die Texte und etwa ausführliche Berichte aus dem Leichenkommando von Auschwitz, noch recht stark mitgenommen, aber mittlerweile sind Begriffe wie Massenmord, Vergasung und Folter ein wenig alltäglich. Solche Texte werden wohl nie spurlos an einem vorbeigehen. Aber das macht die Arbeit so hochinteressant und abwechslungsreich.

Amcha

Die andere Stelle, in der ich tätig bin heißt Amcha. Amcha ist eine Organisation, die sich der psychosozialen Betreuung von Holocaustüberlebenden widmet. Sie organisiert Treffen zum Kaffee und Kuchen an ihren Standorten, stellt psychische Betreuung zur Verfügung, hilft überlebenden ihre Geschichte aufzuschreiben und vermittelt regelmäßige Besucher, so wie ich einer bin, an sie.

Da gibt es zum einen Erika. Sie ist 94 Jahre alt und stammt aus Kronstadt in Siebenbürgen, im heutigen Rumänien. Da dort viele Deutsche lebten spricht sie sehr gut Deutsch, Rumänisch und auch Englisch. Erika erzählte mir einmal, dass sie nicht mehr an einen Gott glauben könne und wolle. Viel mehr glaubt sie an gute Menschen, die selbstlos sind und Gutes vollbringen, eine Sichtweise die ich schon von vielen Überlebenden gehört habe.

Ich finde es immer wieder sehr erstaunlich wie diese Menschen, zumindest nach außen hin, ihre Lebensfreude und Hoffnung nicht verloren haben. Und das nach allem was ihnen geschehen ist.

Dann ist da noch Eva. Sie ist ganze 99 Jahre alt und lebt im Norden Jerusalems. Sie besuche ich immer sehr gerne. Eva und ich siezen uns zwar, dennoch haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Ich verbringe jeden Sonntag zwei bis drei Stunden mit ihr und sie erzählt sehr ausführlich aus ihrer Jugend und ihrem Leben vor der Immigration nach Israel. Manchmal wiederholt siesich, aber dann kann ich umso besser Rückfragen stellen.

Eva ist in Breslau, damals noch in Deutschland, aufgewachsen. Sie und ihre Familie hatten sehr unter den antisemitischen Gesetzen, Erlassen und Verfolgungen der 30er Jahre zu leiden. Doch Eva hatte Glück und es war ihr möglich mit einem der Kindertransporte 1939 nach Großbritannien überzusetzen. Dort lebte sie ohne Englischkenntnisse und auf sich allein gestellt bei einer fremden Familie. Es war der Plan, dass sie von dort nach Chile übersetzen und ihre Familie von Frankreich aus zu ihr stoßen sollte. Der Uboot Krieg im Ärmelkanal machte der Passagierschifffahrt jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Dennoch gelang es Evas Eltern schließlich von Frankreich nach England überzusetzen. Doch Eva war schon weg und wie geplant nach Chile abgereist. Sie verbrachte die ersten Monate in Santiago bei Freunden der Familie, bis ihre Eltern zu ihr stießen. Man könnte jetzt vermuten, dass Eva nur über die Einsamkeit und die Überforderung einer solchen Reise sprechen würde. Wovon sie mir aber öfter erzählt ist der Moment, als ihre Eltern mit dem Schiff im Hafen von Santiago de Chile ankamen, rief sie zu aller erst ihrer Mutter vom Kai zu sie solle Käse kaufen, weil der im Zollfreien Verkaufsbereiches des Schiffes billiger sei als auf dem Festland.

Auch hier kann ich die Dame wieder nur dafür bewundern, dass sie sich nach all dem erlebten und dem was auch ihren in Deutschland verbliebenen Verwandten zugestoßen ist, sie sich einen deutschen Freiwilligen einlädt.

 

Eindrücke

Die Überlebende Erika und Laurenz in ihrer Wohnung in Jerusalem
Der ASF-Freiwillige Laurenz Schmitz mit der 99-jährigen Eva, nach einem der wöchentlichen Besuche.
Laurenz und Erika sprechen jede Woche über Alltägliches, aber auch über die Erinnerungen und ihre Meinung zu politischen Debatten. Bild: WDR Fernsehen/Screenshot.
Bild: WDR Fernsehen/Screenshot.
Bild: WDR Fernsehen/Screenshot.
In der Gedenkstätte unterstützt Laurenz bei Archivarbeiten und lernt mehr über die Geschichte der Shoah. Bild: WDR Fernsehen/Screenshot.
Auf dem Weg zur Gedenkstätte Yad Vashem in einem Jerusalemer Vorort. Bild: WDR Fernsehen/Screenshot.
Zu Besuch bei der Shoah-Überlebenden Erika. Bild: WDR Fernsehen/Screenshot.
In einem Straßencafé in Jerusalem. Bild: WDR Fernsehen/Screenshot.
Bild: WDR Fernsehen/Screenshot

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