27. Januar

Gedenken an queere NS-Verfolgte im Bundestag – mit vielen Weggefährten von ASF

Erstmals gedachte der Deutsche Bundestag am 27. Januar in seiner Gedenkstunde an die queeren NS-Verfolgten. Zu dieser Gedenkstunde kam es erst nach hartnäckigen Protesten aus der Zivilgesellschaft. Mehrere ASF-Weggefährt*innen waren Teil dieser Gedenkstunde.

Die niederländische Shoah-Überlebende Rozette Kats hielt am 27. Januar in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages die Gedenkrede. Als Zeitzeugin begleitet Rozette Kats seit längerem Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und diskutierte bei verschiedenen Anlässen mit Freiwilligen und bei ASF-Veranstaltungen.

Wir freuen uns sehr, dass unsere Weggefährtin zu diesem Anlass sprechen konnte. Ebenso schön war es, dass die Bundestagspräsidentin unter stehenden Ovationen die ukrainischen Überlebenden Boris Zabarko und Roman Schwarzmann sowie Margot Friedländer und Charlotte Knobloch begrüßte, denen ASF seit langem ebenfalls verbunden ist.

Zum diesjährigen Gedenktag wurde in diesem offiziellen Rahmen erstmals der queeren NS-Verfolgten gedacht und auch an das Unrecht erinnert, unter dem sie noch lange nach Kriegsende in beiden Teilen Deutschlands leiden mussten. Bereits seit Jahren setzten sich verschiedene Initiativen für dieses Gedenken ein. Die gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung und die Erinnerung an die Opfer musste und muss weiterhin durch die Communities hart erkämpft werden.

Rozette Kats: Gemeinsame Erinnerung kann verbinden und stärken

Rozette Kat betonte in ihrer Ansprache, dass sie, die als Kind die Shoah in den Niederlanden überlebte, sich besonders mit Menschen verbunden fühlt, die wie LGBTIQ* oder als Sinti*zze und Rom*nja bis heute diskriminiert werden. Als Zeitzeugin setzt sie sich dafür unermüdlich ein, immer wieder auch mit Gruppen von ASF-Freiwilligen.

Das zeigt: Obwohl die Verfolgung unterschiedliche Formen annahm – die Erinnerung an die NS-Verbrechen kann verschiedene Gruppen von Verfolgten verbinden, das gemeinsame Engagement für die Aufarbeitung und Entschädigung des NS-Unrechts kann alle bestärken.

Wie weit dieser gemeinsame Weg zu den lange marginalisierten Erinnerungen reicht, wurde anhand einer zweiten Biographie in der Gedenkstunde deutlich. Der Schauspieler Jannik Schümann erzählte über Karl Gorath. Er wurde als junger Homosexueller bereits 1934 und dann erneut 1938 inhaftiert. Er kam zunächst ins KZ

Neuengamme und wurde 1941 nach Auschwitz deportiert. Kurz nach seiner Befreiung im KZ Mauthausen wurde er 1946 in Bremen von demselben Richter verurteilt, der ihn bereits 1938 bestraft hatte. Als Vorbestrafter fand er nur schwer Arbeit und geriet in Armut. Er verstarb 2003 in Bremerhaven.

Karl Gorath: Gemeinsam auf den Spuren der Verfolgung in Auschwitz – mit ASF

Doch bereits Ende der 1980er Jahren erfuhr er in seinem Kampf um eine Entschädigung mit den Behörden Unterstützung durch politisch engagierte Schwule. In der Bremer Beratungsstelle Rat und Tat engagierten sie sich gegen schwulenfeindliche Rechtsextremisten und staatliche Ignoranz und für die öffentliche Anerkennung. Nachdem Karl Gorath um Hilfe gebeten hatte, begleiteten sie ihn in Anhörungen und halfen bei der Recherche zu seiner Verfolgungsgeschichte – die sie zusammen bis in die Gedenkstätte Auschwitz und in die Internationale Jugendbegegnungsstätte führte.

Die Gruppe wollte damit konkret in diesem Fall, darüber hinaus aber insgesamt mehr über die lange marginalisierte Verfolgungsgeschichte von Homosexuellen in KZ-Haft in Erfahrung bringen.

Sie konnten wichtige Informationen zu seiner und weiteren Biographien finden. Gleichzeitig halfen sie bei Pflegearbeiten, setzten sich mit der eigenen Verantwortung als jungen Deutschen auseinander und diskutierten mit jungen Pol*innen über die Situation nach den Solidarność-Protesten. Das Programm erinnert in vielem an eine heutige Jugendbegegnung und war doch damals alles andere als selbstverständlich: Dass junge Schwule gemeinsam am Mahnnmal Blumen niederlegten, rief bei anderen Besuchergruppen Interesse, teils aber auch Befremden hervor.

Wie wichtig diese Pionierarbeit war, zeigt auch das Schicksal Karl Goraths: Irrtümlicherweise hielt man damals zwei seiner Freunde aus der KZ-Zeit, deren Namen sich auf Todeslisten fanden, für verstorben. Daraufhin brach er tief bestürzt die Reise ab. Tatsächlich hatten sie jedoch überlebt. Doch diese Information fand erst ein deutsch-polnisches Rechercheprojekt heraus, nachdem Karl Gorath 2003 in Bremerhaven gestorben war. Die Suche mit der Gruppe und der Kampf um eine Entschädigung aber bestärkten ihn sehr. Dank der bei dieser Fahrt gesicherten Fundstücke wie Karl Goraths Haftfotos konnten sie gemeinsam eine Zahlung aus einem Härtefallfonds erstreiten. Die 5.000 DM wurden zwar nicht annähernd seiner sechsjährigen KZ-Haft gerecht, waren aber dennoch eine wichtige erste Anerkennung.

Weitere Informationen:

Die frühere ASF-Freiwillige Lena-Marie Vahl traf Rozette Kats von einigen Jahren für ein ausführliches Zeitzeugengespräch. In diesem Beitrag erzählt Rozette Kats von ihrem Leben als Kind in der Shoah ermordeter Eltern, das bei Pflegeeltern überlebte, von ihrer späten Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Traumatisierung sowie ihrem Engagement als Zeitzeugin.

Die Rede von Rozette Kats und Karl Goraths von Jannik Schümann vorgetragene Lebensgeschichte in der Gedenkstunde können auf der Seite des Bundestages nachgehört werden.

Rat und Tat hat eine ausführliche Dokumentation über die Gedenkreise veröffentlicht: „Schwule in Auschwitz. Dokumentation einer Reise.“

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