Geschichte(n) in der Migrationsgesellschaft

Berliner Stadtteilmütter am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas. Bild: ASF

Geschichte in der Migrationsgesellschaft ist vielfältig und Erinnerungsdiskurse werden durch die Perspektiven von Menschen mit Einwanderungsgeschichten erweitert. Der Arbeitsbereich beschäftigt sich mit der Bedeutung der nationalsozialistischen Geschichte, ihren Kontinuitäten und Folgen und nimmt Antisemitismus und Rassismus kritisch in den Blick.

Unsere Projekte

Die Zeitzeugin Margot Friedländer im Gespräch mit einer Teilnehmerin eines Bildungsseminars. Bild: ASF

In mehrtägigen oder mehrwöchigen Seminarreihen setzen sich die Teilnehmenden mit der Geschichte des Nationalsozialismus, dem Thema Antisemitismus und ihren eigenen Biografien auseinander.

Welche Geschichte(n) prägt das Land in dem ich lebe?
Das Wissen um die Geschichte kann helfen, unsere Gegenwart besser zu verstehen. Unsere Bildungsprogramme bieten Menschen mit Migrationsbiographie Raum und Zeit, sich intensiv mit den Themenfeldern Nationalsozialismus, Holocaust, Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auseinander zu setzen. Die Seminare ermöglichen es den Teilnehmenden, ihr bereits vorhandenes Wissen und ihre unterschiedlichen Perspektiven einzubringen. Dabei spielen auch die Bedeutung der Geschichte für das heutige Zusammenleben und die Stärkung einer multiperspektivischen Erinnerungskultur eine wichtige Rolle. In den Seminaren ist es uns ein Anliegen, einen geschützten Raum anzubieten, in dem die persönliche Geschichte erzählt, aber auch das eigene Denken und Handeln reflektiert werden können.

Gestaltung der Seminare
Die Seminarreihen oder -reisen finden in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartner*innen im gesamten Bundesgebiet statt. In den mehrwöchigen oder mehrtägigen Seminaren erarbeiten sich die Teilnehmenden ein fundiertes Grundwissen zu der Geschichte des Nationalsozialismus. Des Weiteren besuchen wir historische Orte, Ausstellungen und kommen mit Zeitzeug*innen ins Gespräch. Durch historische Rundgänge im Stadtraum erfahren die Teilnehmer*innen mehr über die lokalspezifische Geschichte. Somit eröffnen sich neue Perspektiven auf die Stadt, in der die Teilnehmenden leben. Im dialogischen Lernen tauschen wir Erfahrungen des heutigen Zusammenlebens und der eigenen Geschichte(n) aus. Dazu gehören häufig auch eigene Erfahrungen von Diskriminierung, Rassismus und Ohnmacht, die die Teilnehmenden machen. Die Beschäftigung mit den eigenen Biografien sowie mit den Lebensgeschichten historischer Personen, schafft Empathie und bestärkt die Teilnehmenden darin, sich gegen menschenverachtendes Verhalten zur Wehr zu setzen.

Die Bildungsprogramme sind Teil des Projektes „Aus Geschichte(n) lernen – antisemitismuskritische, plurale und digitale Bildungsprogramme in der Migrationsgesellschaft“. Das Projekt wird durch die Evangelische Kirche in Deutschland gefördert.

Teilnehmerin eines Bildungsseminars. Bild: ASF

In Seminarreihen setzen sich Stadtteilmütter, Romnja und Multiplikator*innen mit und ohne Migrationsbiographie mit der Geschichte des Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus gegen Sintezze*Sinti und Romnja*Roma auseinander.

Auseinandersetzung mit NS-Geschichte und aktuellem Rassismus
In den Bildungsprogrammen beschäftigen wir uns mit dem Völkermord an den Sintezze*Sinti und Romnja*Roma Europas und fragen nach Folgen, Brüchen und Kontinuitäten in unserer Gegenwart. Der Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen macht deutlich, wie Ablehnung, Ausgrenzung und Rassismus in einen Genozid führen können. Ab 1945 begann eine zweite Verfolgung von Romnja*Roma und Sintezze*Sinti und mit ihr eine Zeit anhaltender Diskriminierung, verwehrter Anerkennung und langwieriger Kämpfe. Bis heute prägt Rassismus den Alltag vieler Angehöriger der Minderheit.

Historisch-politische Bildungsarbeit
In mehrwöchigen Seminarreihen besuchen die Teilnehmer*innen historische Orte, Ausstellungen, Denkmäler und Gedenkstätten. Sie kommen mit Überlebenden und ihren Nachkommen ins Gespräch. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Arbeit mit den Biografien der Teilnehmer*innen. Neben der bestärkenden Erfahrung, die eigene Geschichte erzählen zu können, machen die vielfältigen Lebensgeschichten die Individualität innerhalb vermeintlich homogener Kollektive deutlich. Die Teilnehmer*innen verfassen in Schreibwerkstätten eigene Texte, in denen sie sich mit ihren Sichtweisen auf die Geschichte auseinandersetzen.

Aus dem Seminarraum in den Stadtraum
Aus den Seminarreihen entwickeln wir gemeinsam mit Romnja-Selbstorganisationen und unseren Kooperationspartner*innen verschiedene Aktionen, die in der lokalen Öffentlichkeit wirken. Zum Beispiel Lesungen oder Publikationen eigener Texte, Stolpersteinspaziergänge und Filmvorführungen mit Diskussion. Die Multiplikator*innen können so Impulse setzen, die das Bewusstsein für die Geschichte und den heutigen Rassismus, der sich gegen Sintezze*Sinti und Romnja*Roma richtet, in der Gesamtgesellschaft stärken.

Die Bildungsprogramme sind Teil des fünfjährigen Modellprojektes „Historisch-politisches Lernen in der Post-Migrationsgesellschaft: Sensibilisierung für Rassismus gegen Sinti und Roma in Geschichte und Gegenwart“ (2020-2024) und werden im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

Bild: ASF

Djamila Boumekik ist eine von den Frauen, auf die, wenn sie das Denkmal für die ermordeten Juden Europas begehen, sich verwunderte Blicke Vieler richten. Denn sie gehört zu einer Gruppe der Stadtteilmütter, die äußerlich überwiegend als muslimisch erkenntlich sind und an diesem Ort eher nicht erwartet werden. Häufig wird angenommen, dass Migrant*innen sich wenig für die deutsche Geschichte, besonders die Geschichte des Nationalsozialismus, interessieren. Unsere Erfahrungen sind ganz anders.

Seit 2006 arbeiten wir in Berlin mit Stadtteilmüttern aus Neukölln und Kreuzberg in Seminarprogrammen zur nationalsozialistischen Geschichte. Die Stadtteilmütter sind Frauen mit Einwanderungsgeschichte, die Familien in Erziehungs- und Bildungsfragen begleiten. Inzwischen haben wir mit etwa dreihundertfünfzig Frauen mehrwöchige Seminarreihen durchgeführt.

Stadtteilmütter initiierten das Projekt
Die Seminarreihen wurden von den Stadtteilmüttern selbst initiiert. Sie traten mit dem Wunsch an ASF heran, gemeinsame Seminare zum Thema Nationalsozialismus zu entwickeln. So entstand das Kooperationsprojekt „Stadtteilmütter auf den Spuren der Geschichte“, in dem ASF mit den Diakoniewerken Simeon und Stadtmitte, den Trägern der Ausbildung der Stadtteilmütter, zusammenarbeitet.

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hat, zusammen mit Master-Studierenden des Touro College Berlin, einen historisch-interkulturellen Stadtrundgang zum Thema „Flucht, Exil und Verfolgung“ entlang der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg entwickelt und als Website mit Audioguide unter www.flucht-exil-verfolgung.de ins Netz gestellt.

Bei unserem Stadtrundgang werden Orte mit Bezug zum Nationalsozialismus thematisiert, die zugleich mit Themen anderer Flucht- und Exilerfahrung verknüpft sind. So erinnern beispielsweise Stolpersteine an die jüdische Familie Behar in der Kant-/Ecke Fasanenstraße. Die Familie wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Die Behars waren als türkische Juden auch wegen der minderheitenfeindlichen Politik der osmanischen Regierung 1915 aus ihrer Heimat Istanbul nach Berlin gekommen.

1921 geschah nur einen Block entfernt in der Fasanen-/Ecke Hardenbergstraße ein Attentat: Der ehemalige osmanische Innenminister und Regierungschef Talaat Pascha wurde von einem armenischen Studierenden erschossen. Talaat Pascha war bis 1917 Innenminister des Osmanischen Reiches und in dieser Funktion einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern. Er erhielt in Berlin Asyl. Während das Deutsche Reich Talaat Pascha Asyl gewährte, verweigerte die Bundesrepublik 1983 dem türkischen Flüchtling Cemal Kemal Altun den Schutz. Er nahm sich im Abschiebeverfahren durch einen Sprung aus dem 6. Stock des Verwaltungsgerichts in der Hardenbergstraße 20 das Leben. An eine weitere Geschichte von Flucht, Exil und Verfolgung wird am Steinplatz durch eine Tafel erinnert: Hier bezog der spätere Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter seine erste Wohnung, als er 1946 aus dem türkischen Exil zurückkehrte.

Diese und weitere Beispiele aufeinander bezogener Geschichten sollen die Vielfalt von Erinnerung sichtbar machen, die in der Einwanderungsstadt Berlin sichtbar sind – eine Vielfalt, die nicht einfach aus unterschiedlichen, nebeneinander stehenden Perspektiven besteht, sondern die Verknüpfungen und Beziehungen aufzeigt.

Ihre Ansprechpartnerin:

Anne Scholz

Projektkoordinatorin

Mehr Informationen zum Thema

Mail: scholz[at]asf-ev.de
Tel: +49 30 28395-165
Fax: +49 30 28395-135

Gefördert durch die
Evangelische Kirche in Deutschland

Ihre Ansprechpartnerin:

Janika Raisch

Projektkoordinatorin

Mehr Informationen zum Thema

Mail: raisch[at]asf-ev.de
Tel: +49 30 28395-156
Fax: +49 30 28395-135

Gefördert durch das
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
im Rahmen des Bundesprogramms
Demokratie Leben

Ihre Ansprechpartnerinnen:

Anne Scholz

Projektkoordinatorin

Mehr Informationen zum Thema

Mail: scholz[at]asf-ev.de
Tel: +49 30 28395-165
Fax: +49 30 28395-135

Janika Raisch

Projektkoordinatorin

Mehr Informationen zum Thema

Mail: raisch[at]asf-ev.de
Tel: +49 30 28395-156
Fax: +49 30 28395-135

Hier gehts zur Webseite mit Audioguide und zur Facebook-Seite.

 

Dieses Projekt wurde aus Mitteln des Europäischen Integrationsfonds kofinanziert.

Podcast „Antisemitismus und Rassismus begegnen“

Mit dem Podcast „Kurz gefragt – Antisemitismus und Rassismus begegnen“ von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste bieten wir Grundwissen zu verschiedenen Erscheinungsformen rund um die Phänomene Antisemitismus und Rassismus. Im Gespräch mit Expert*innen fragen wir nach Definitionen, Funktion und Wirkung.

Von ASF sprechen: Jutta Weduwen, Geschäftsführerin und Anne Scholz, Projektkoordinatorin.
Schnitt und Ton: Lena Högemann

Alle Folgen ansehen

„Romni zu sein, das bedeutet für mich vor allem Stärke und Zusammenhalt. Ich engagiere mich seit über 20 Jahren in der Roma-Community […]. Die Zusammenkünfte der Frauen an den Wochenenden mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste geben uns einen offenen Raum für Austausch. Wenn ich den anderen Frauen meine Geschichte erzähle und ich ihre Geschichten höre, dann bestärkt mich das und gibt mir Mut.“

Drita Wagner

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