Geschichte(n) in der Migrationsgesellschaft

Stadtteilmütter in Berlin gedenken an Sinti und Roma Denkmal. Sie tragen rote Schals vor einer Gedenkstätte.
Berliner Stadtteilmütter am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas. Bild: ASF

Geschichte in der Migrationsgesellschaft ist vielfältig und Erinnerungsdiskurse werden durch die Perspektiven von Menschen mit Einwanderungsgeschichten erweitert. Der Arbeitsbereich beschäftigt sich mit der Bedeutung der nationalsozialistischen Geschichte, ihren Kontinuitäten und Folgen und nimmt Antisemitismus und Rassismus kritisch in den Blick.

Unsere Projekte

Die kritische Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen kann unser Verständnis für Fragen aktueller Diskriminierung vertiefen. In diesem Innovationsprojekt gestalten wir mehrtägige Bildungsprogramme mit Stadtteilmüttern in Augsburg, Berlin und Bielefeld zur Geschichte des Nationalsozialismus und aktuelle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die beteiligten Stadtteilmütter und Multiplikator*innen sind oft selbst von mehrdimensionaler Diskriminierung betroffen. Sie bringen ihre Erfahrungen und Perspektiven ein – als Beraterinnen, Begleiterinnen und engagierte Stimmen aus migrantischen Communities.

Kritische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Im Zentrum steht eine historisch-politische Bildung, die NS-Verbrechen nicht isoliert betrachtet, sondern als Ausdruck ineinandergreifender Ideologien: Antisemitismus, Rassismus, LGBTIQ*-Feindlichkeit, Ableismus und Klassismus. Thematisiert werden der Holocaust, der Völkermord an den Sinti* und Roma*, die Patient*innenmorde, die Verfolgung von LGBTIQ*, Schwarzen und asiatischen Menschen sowie als „asozial“ Verfolgten. Diese Themen verbinden wir mit biografischen Perspektiven und lokalen Kontexten aus den Projektorten. So wird sichtbar, wie Ideologien der Menschenfeindlichkeit damals wie heute wirksam sind – komplex, verwoben und auch heute wirkmächtig.

Intersektionale und dialogische Zugänge

Intersektionale Perspektiven machen die Überlagerungen und Wechselwirkungen verschiedener Diskriminierungsformen sichtbar: Wo verstärken sich zum Beispiel rassistische, antisemitische oder klassistische Strukturen? Wo entstehen neue Dynamiken der Ausgrenzung, wenn Diskriminierungsformen gegeneinander ausgespielt werden?

Mit den Stadtteilmüttern kommen wir über die Bedeutung der NS-Geschichte für unsere Gegenwart ins Gespräch. Wir wollen die Spezifika der einzelnen Diskriminierungsformen aufzeigen und gleichzeitig Verschränkungen und Gemeinsamkeiten in den Blick nehmen. Wir schauen auf historische Kontinuitäten, um Ursachen und Folgen von Diskriminierung und auch die strukturelle Dimension sichtbar zu machen. Unser Anliegen ist es, miteinander eigene Standpunkte und Perspektiven zu reflektieren und gleichzeitig Räume für eine diskriminierungssensible Gesellschaft zu stärken.

 

Die Bildungsprogramme sind Teil des vierjährigen Modellprojektes „Lernen im Dialog. Demokratieförderung durch intersektionale politisch-historische Bildungsarbeit“ (2025-2028) und werden im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

Menschen vom Sinti-Verein Ostfriesland besuchen die Gedenkstätte Auschwitz in Polen. Reflektion in Wasserpfütze.
Gedenkreise des 1. Sinti-Vereins Ostfriesland in die Gedenkstätte Auschwitz. Bild: ASF/Andrzej Rudiak

Zehn Nachkomm*innen von Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sprechen über das Leid und die Widerstandskraft ihrer Vorfahr*innen. Sie berichten, wie ihre Familien und persönlichen Lebenswege von dieser Geschichte geprägt wurden und wie sie sich heute für die Erinnerung, Anerkennung und gegen Diskriminierung einsetzen.

Die Erinnerung an den Völkermord an den Sinti* und Roma* findet bis heute wenig Beachtung. Dabei wirken die Folgen für die betroffenen Familien bis heute fort. Die Zahl der im Nationalsozialismus ermordeten Sinti* und Roma* wird auf bis zu einer halben Million geschätzt. Allein nach Auschwitz wurden 23.000 Angehörige der Minderheit deportiert, davon sind 21.000 ermordet worden oder durch die tödlichen Lagerbedingungen ums Leben gekommen.

Heute sind Sinti* und Roma* in Deutschland von massiver Diskriminierung betroffen. Trotzdem oder gerade aus diesem Grund kommen sie in öffentlichen Debatten selten zu Wort.

Der 1. Sinti-Verein Ostfriesland und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste setzten sich in einer Seminarreihe mit dieser Geschichte und Gegenwart auseinander. Die Gruppe besuchte Gedenkorte und diskutierte in Gesprächsrunden und Seminaren. Zum Abschluss reisten die Angehörigen begleitet von ASF im Herbst 2023 ins polnische Oświęcim, um die Gedenkstätte Auschwitz zu besuchen: Vor über 80 Jahren wurden hier ihre Vorfahren vom NS-Regime deportiert und systematisch umgebracht.

10 Angehörige sprechen aus ihrer persönlichen Sicht über diese Geschichte und ihr heutiges Leben und Engagement. In einer Online-Publikation sind diese Stimmen nachzulesen und nachzuhören: www.10perspektiven.asf-ev.de

Margot Friedländer spricht mit einer Teilnehmerin beim ASF-Bildungsseminar. Ein Blumenstrauß liegt auf dem Tisch.
Die Zeitzeugin Margot Friedländer im Gespräch mit einer Teilnehmerin eines Bildungsseminars. Bild: ASF

In mehrtägigen oder mehrwöchigen Seminarreihen setzen sich die Teilnehmenden mit der Geschichte des Nationalsozialismus, dem Thema Antisemitismus und ihren eigenen Biografien auseinander.

Welche Geschichte(n) prägt das Land in dem ich lebe?
Das Wissen um die Geschichte kann helfen, unsere Gegenwart besser zu verstehen. Unsere Bildungsprogramme bieten Menschen mit Migrationsbiographie Raum und Zeit, sich intensiv mit den Themenfeldern Nationalsozialismus, Holocaust, Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auseinander zu setzen. Die Seminare ermöglichen es den Teilnehmenden, ihr bereits vorhandenes Wissen und ihre unterschiedlichen Perspektiven einzubringen. Dabei spielen auch die Bedeutung der Geschichte für das heutige Zusammenleben und die Stärkung einer multiperspektivischen Erinnerungskultur eine wichtige Rolle. In den Seminaren ist es uns ein Anliegen, einen geschützten Raum anzubieten, in dem die persönliche Geschichte erzählt, aber auch das eigene Denken und Handeln reflektiert werden können.

Gestaltung der Seminare
Die Seminarreihen oder -reisen finden in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartner*innen im gesamten Bundesgebiet statt. In den mehrwöchigen oder mehrtägigen Seminaren erarbeiten sich die Teilnehmenden ein fundiertes Grundwissen zu der Geschichte des Nationalsozialismus. Des Weiteren besuchen wir historische Orte, Ausstellungen und kommen mit Zeitzeug*innen ins Gespräch. Durch historische Rundgänge im Stadtraum erfahren die Teilnehmer*innen mehr über die lokalspezifische Geschichte. Somit eröffnen sich neue Perspektiven auf die Stadt, in der die Teilnehmenden leben. Im dialogischen Lernen tauschen wir Erfahrungen des heutigen Zusammenlebens und der eigenen Geschichte(n) aus. Dazu gehören häufig auch eigene Erfahrungen von Diskriminierung, Rassismus und Ohnmacht, die die Teilnehmenden machen. Die Beschäftigung mit den eigenen Biografien sowie mit den Lebensgeschichten historischer Personen, schafft Empathie und bestärkt die Teilnehmenden darin, sich gegen menschenverachtendes Verhalten zur Wehr zu setzen.

Die Bildungsprogramme sind Teil des Projektes „Aus Geschichte(n) lernen – antisemitismuskritische, plurale und digitale Bildungsprogramme in der Migrationsgesellschaft“. Das Projekt wird durch die Evangelische Kirche in Deutschland gefördert.

Personen im Stuhlkreis halten Karten mit Ja! hoch. Sie lächeln und sitzen in einem hellen Raum. Bild: ASF.
Bild: ASF

Djamila Boumekik ist eine von den Frauen, auf die, wenn sie das Denkmal für die ermordeten Juden Europas begehen, sich verwunderte Blicke Vieler richten. Denn sie gehört zu einer Gruppe der Stadtteilmütter, die äußerlich überwiegend als muslimisch erkenntlich sind und an diesem Ort eher nicht erwartet werden. Häufig wird angenommen, dass Migrant*innen sich wenig für die deutsche Geschichte, besonders die Geschichte des Nationalsozialismus, interessieren. Unsere Erfahrungen sind ganz anders.

Seit 2006 arbeiten wir in Berlin mit Stadtteilmüttern aus Neukölln und Kreuzberg in Seminarprogrammen zur nationalsozialistischen Geschichte. Die Stadtteilmütter sind Frauen mit Einwanderungsgeschichte, die Familien in Erziehungs- und Bildungsfragen begleiten. Inzwischen haben wir mit etwa dreihundertfünfzig Frauen mehrwöchige Seminarreihen durchgeführt.

Stadtteilmütter initiierten das Projekt
Die Seminarreihen wurden von den Stadtteilmüttern selbst initiiert. Sie traten mit dem Wunsch an ASF heran, gemeinsame Seminare zum Thema Nationalsozialismus zu entwickeln. So entstand das Kooperationsprojekt „Stadtteilmütter auf den Spuren der Geschichte“, in dem ASF mit den Diakoniewerken Simeon und Stadtmitte, den Trägern der Ausbildung der Stadtteilmütter, zusammenarbeitet.

Historische Karte zeigt Orte der Flucht, des Exils und der Verfolgung in Berlin. Rote Punkte markieren wichtige Bereiche.
Website Flucht-Exil-Verfolgung

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hat, zusammen mit Master-Studierenden des Touro College Berlin, einen historisch-interkulturellen Stadtrundgang zum Thema „Flucht, Exil und Verfolgung“ entlang der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg entwickelt und als Website mit Audioguide unter www.flucht-exil-verfolgung.de ins Netz gestellt.

Bei unserem Stadtrundgang werden Orte mit Bezug zum Nationalsozialismus thematisiert, die zugleich mit Themen anderer Flucht- und Exilerfahrung verknüpft sind. So erinnern beispielsweise Stolpersteine an die jüdische Familie Behar in der Kant-/Ecke Fasanenstraße. Die Familie wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Die Behars waren als türkische Juden auch wegen der minderheitenfeindlichen Politik der osmanischen Regierung 1915 aus ihrer Heimat Istanbul nach Berlin gekommen.

1921 geschah nur einen Block entfernt in der Fasanen-/Ecke Hardenbergstraße ein Attentat: Der ehemalige osmanische Innenminister und Regierungschef Talaat Pascha wurde von einem armenischen Studierenden erschossen. Talaat Pascha war bis 1917 Innenminister des Osmanischen Reiches und in dieser Funktion einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern. Er erhielt in Berlin Asyl. Während das Deutsche Reich Talaat Pascha Asyl gewährte, verweigerte die Bundesrepublik 1983 dem türkischen Flüchtling Cemal Kemal Altun den Schutz. Er nahm sich im Abschiebeverfahren durch einen Sprung aus dem 6. Stock des Verwaltungsgerichts in der Hardenbergstraße 20 das Leben. An eine weitere Geschichte von Flucht, Exil und Verfolgung wird am Steinplatz durch eine Tafel erinnert: Hier bezog der spätere Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter seine erste Wohnung, als er 1946 aus dem türkischen Exil zurückkehrte.

Diese und weitere Beispiele aufeinander bezogener Geschichten sollen die Vielfalt von Erinnerung sichtbar machen, die in der Einwanderungsstadt Berlin sichtbar sind – eine Vielfalt, die nicht einfach aus unterschiedlichen, nebeneinander stehenden Perspektiven besteht, sondern die Verknüpfungen und Beziehungen aufzeigt.

Ihre Ansprechperson:

Sara Spring

Projektleitung

Mehr Informationen zum Thema

Mail: spring[at]asf-ev.de
Tel: +49 30 28395-156
Fax: +49 30 28395-135

Erinnerung, Anerkennung, Engagement

Ein Projekt des ASF-Arbeitsbereichs Geschichte(n) in der Migrationsgesellschaft und des 1. Sinti-Verein Ostfriesland.

Die 10 Perspektiven und Hintergründe zum Projekt haben wir in einer Online-Publikation zusammengestellt:

10 Perspektiven

Ihre Ansprechperson

Sara Spring

Projektleitung

Mehr Informationen zum Thema

Mail: spring[at]asf-ev.de
Tel: +49 30 28395-156
Fax: +49 30 28395-135

Ihre Ansprechpartnerin:

Gefördert durch die
Evangelische Kirche in Deutschland

Ihre Ansprechpartnerinnen:

Sara Spring

Projektleitung

Mehr Informationen zum Thema

Mail: spring[at]asf-ev.de
Tel: +49 30 28395-156
Fax: +49 30 28395-135

Hier gehts zur Webseite mit Audioguide und zur Facebook-Seite.

 

Dieses Projekt wurde aus Mitteln des Europäischen Integrationsfonds kofinanziert.

Podcast „Antisemitismus und Rassismus begegnen“

Mit dem Podcast „Kurz gefragt – Antisemitismus und Rassismus begegnen“ von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste bieten wir Grundwissen zu verschiedenen Erscheinungsformen rund um die Phänomene Antisemitismus und Rassismus. Im Gespräch mit Expert*innen fragen wir nach Definitionen, Funktion und Wirkung.

Von ASF sprechen: Jutta Weduwen, Geschäftsführerin und Anne Scholz, Projektkoordinatorin.
Schnitt und Ton: Lena Högemann

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Frau steht vor einer textbeschriebenen Tafel im Museum, hinter Stacheldrahtzaun. Thema: historische Erinnerungen. Bild: ASF.

„Romni zu sein, das bedeutet für mich vor allem Stärke und Zusammenhalt. Ich engagiere mich seit über 20 Jahren in der Roma-Community […]. Die Zusammenkünfte der Frauen an den Wochenenden mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste geben uns einen offenen Raum für Austausch. Wenn ich den anderen Frauen meine Geschichte erzähle und ich ihre Geschichten höre, dann bestärkt mich das und gibt mir Mut.“

Drita Wagner