Europa bewegt

Zeitschrift: zeichen 1 / 2014

„Zollhaus, Grenzpfahl und Einfuhrschein: wir lassen nicht das geringste herein“, schrieb Kurt Tucholsky 1932 in seinem Gedicht „Europa“. Die Grenzen sind seither an vielen Stellen durchlässiger geworden. Davon berichten auch unsere Freiwilligen. Sie erzählen, wie sie „Europa“ in ihrem jeweiligen Einsatzland erleben.

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Als sich die Mitgliederversammlung im Mai 2013 für den Schwerpunkt „Europa“ entschied, der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in den Jahren 2014 und 2015 bei Seminaren, Veranstaltungen und in Publikationen begleiten wird, waren die Demonstrationen in der Ukraine noch fern. Carina Schweikart, zurzeit Freiwillige in Kiew, schildert auf sehr eindrückliche Weise, wie sie die politischen Umbrüche in der Ukraine erlebt hat. Sie ist eine aufmerksame Beobachterin und versucht, die verschiedenen Perspektiven nachzuvollziehen, die ihr mit den Menschen in Kiew begegnen – und nicht sofort zu urteilen.

Wir hoffen mit unseren Freiwilligen auf eine gerechte und friedliche politische Lösung. Nachrichten über ein Erstarken von Nationalismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus machen uns große Sorgen. Jedoch nehmen viele unserer Partner in der Ukraine diese Kräfte als nicht die tragenden Elemente der Umbrüche wahr. Dennoch treten diese Bewegungen in der politischen Krise zunehmend hervor.

Die Einführung der uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bulgaren und Rumänen am 1. Januar 2014 wurde begleitet von hässlichen Debatten über Armutszuwanderung und Forderungen nach rigiden Zurückweisungen von vermeintlichen Nutznießern von Sozialleistungen. Diese Debatten werden überlagert von rassistischen Haltungen gegenüber Roma, die als die eigentlichen Zuwanderer ausgemacht wurden.

Wie wir durch Untersuchungen der Caritas und der Diakonie wissen, sind die Unkenrufe von nutznießenden Zuwanderern aus Osteuropa überzogen. Vielmehr arbeiten viele zugewanderte Menschen ohne Rechte und unter katastrophalen Bedingungen. Die Fotos der Fotografin Andrea Diefenbach dokumentieren Auswirkungen der aktuellen europäischen Arbeitsmigration. Die Undurchlässigkeit der Grenzen und die Abweisungen durch die einheimische Bevölkerung spüren auch viele Flüchtlinge, die häufig nur auf Schleichwegen nach Deutschland gelangen können und von der Ausweisung bedroht sind. Davon erzählten die beiden aus Afghanistan geflüchteten jungen Männer Mehrzad und Ali.

„Gott segne diesen Kontinent“ schrieb Tucholsky in seinem Gedicht vor 82 Jahren. Der Theologe Thorsten-Marco Kirschner beschreibt die besonderen Werte Europas aus seiner christlichen Perspektive: die Abgründe der Geschichte, die Spuren der Konflikte und Kriege, aber auch die ganz besondere Chance des Friedens, der Verständigung und der Vielfalt in Europa. Sich auf diese Werte zu besinnen, ist uns wichtig. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass auch wir Christen in der Geschichte an der Verfolgung anderer Religionen und Kulturen beteiligt waren und menschenfeindliche Tendenzen auch in unseren Kirchen anzutreffen sind.

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