Sinti*zze gedenken in Auschwitz

„Als ich in Birkenau war, habe ich an meine Oma gedacht. Ich war traurig und wütend.“

„Als ich in Birkenau war, habe ich an meine Oma gedacht, ich habe sie mir dort vorgestellt. Ich war traurig und wütend. Wenn wir uns heute verleugnen, geben wir den Nazis recht. Dann verraten wir unsere Großeltern, die Auschwitz überlebt haben.“ So beschreibt eine Sintezza ihre Gefühle und Gedanken bei einer Gedenkfahrt in die Gedenkstätte Auschwitz in Polen.

Bild: ASF/Andrzej Rudiak

Die gemeinsame Gedenkfahrt Anfang Oktober 2023 organisierten ASF und der 1. Sinti-Verein Ostfriesland e.V. Das Seminarprogramm entstand in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Auschwitz sowie der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS). Die meisten der Teilnehmenden sind Nachfahren von Sinti*zze, die den nationalsozialistischen Völkermord überlebten und sich nach dem Zweiten Weltkrieg um die Stadt Leer herum in Niedersachen ansiedelten.

Fünf Tage lang setzten wir uns mit der Geschichte des Ortes und der Verfolgung der Sinti*zze und Romn*ja. In der Gedenkstätte Auschwitz I berührte die Gruppe vor allem die Ausstellung in Block 13. Hier entdeckten viele die Namen ihrer Vorfahren auf den Ausstellungswänden. Beim Besuch des früheren Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau setzten wir uns mit dem Schicksal der rund 22.000 Kinder, Frauen und Männer auseinander, die im sogenannten Z*******-Familienlager inhaftiert waren. Diese Menschen stammten vor allem aus dem „Deutschen Reich“ und Österreich; ungefähr 19.000 wurden umgebracht. Wir gedachten der Opfer mit einem Kranz am ehemaligen Krematorium und in Worten und Schweigen.

Bei Recherchen zusammen mit der Gedenkstätte und den Arolsen Archives konnten zu etwa 30 verfolgten Verwandten Dokumente wie Sterbeurkunden oder Transport-Bescheinigungen aus anderen KZ gefunden werden. Für die Teilnehmenden war es sehr bedeutsam, diese Quellen über ihre Verwandten erstmals zu sehen und darin teils auch Neues zu erfahren. Eine Teilnehmende sagte dazu:

„Unsere Verwandten, die Auschwitz überlebt haben, haben nicht viel erzählt. Es gab eine große Scham und sie wollten uns schützen. Aber, irgendwie haben wir doch das eine oder andere gehört. Wir wussten von der Verfolgung.“

Am letzten Tag lernten die Teilnehmenden die Stadt Oświęcim bei einem Stadtrundgang kennen und besuchten das Jüdische Zentrum mit Synagoge sowie das Roma Center. Dort begegneten sie der Geschichte der europäischen Rom*nja und setzten sich mit der Situation polnischer Rom*nja zwischen Verfolgung, Zwangsansiedlung und Selbstbehauptung auseinander. Die Teilnehmenden diskutierten Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Situation als Minderheit in den beiden Ländern.

Ein Thema, das während der gesamten Gedenkstättenfahrt in den Gesprächen präsent war, ist der gegenwärtige Antiziganismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Alle Teilnehmende konnten von alltäglichen Diskriminierungserfahrungen berichten: „Mein Großvater war in Auschwitz, mein Vater wurde 1946 geboren. Der Hass auf Sinti hat nie aufgehört. Viele unserer Leute haben Angst und erleben im Alltag große Nachteile.“

Wir danken dem 1. Sinti-Verein Ostfriesland e.V. für das Vertrauen und die gute Zusammenarbeit!

Die Gedenkfahrt fand im Rahmen einer Kooperation des ASF-Arbeitsbereichs „Geschichte(n) in der Migrationsgesellschaft“ mit verschiedenen Selbstorganisationen der Rom*nja und Sinti*zze statt. In Seminaren, Ausstellungen und bei Besuchen von Gedenkorten arbeiten die Partner*inenn zur Geschichte und Gegenwart, Verfolgung aber auch Selbstbehauptung von Sinti*zze und Romn*ja in Deutschland und Europa.

 

Eindrücke von der Gedenkfahrt

ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak
ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak
ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak
ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak
ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak
ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak
ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak
ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak
ASF und der Sinti-Verein Ostfriesland e.V auf einer gemeinsamen Gedenkfahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bild: ASF/Andrzej Rudiak

AFS-Blog

Immer wieder?! Vielstimmige Debatten zu Krieg und seinen Folgen

zum Blogbeitrag

Gedenken an queere NS-Verfolgte im Bundestag – mit vielen Weggefährten von ASF

zum Blogbeitrag

Statt Vorschlägen über die Köpfe der Leidtragenden hinweg – jetzt ist unsere Unterstützung gefragt

zum Blogbeitrag

Mut, Verzweiflung und Zusammenhalt in Odesa

zum Blogbeitrag

Wie Antisemitismus entgegentreten?

zum Blogbeitrag

60 Jahre ASF in Belgien

zum Blogbeitrag

Viele Gespräche und Begegnungen in Nürnberg

zum Blogbeitrag