• Aus dem Freiwilligenalltag
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Die WM vor der Haustür. Freiwillige berichten

Die Fußball-WM ist wohl selten so umstritten und politisch aufgeladen gewesen: Korruption und Kommerz, die Drohungen Trumps gegen die Mitausrichter Kanada und Mexiko, der Krieg mit dem Iran, Fans, Spieler und Schiedsrichter, die nicht einreisen dürfen. Und doch bleibt der Sport auch ein Spiel zwischen Menschen. Gerade in den USA, aber auch in Lateinamerika wird der ganz alltägliche Fußball von Menschen gelebt, die immer noch selten im TV und bei dieser WM zu sehen sind: Mädchen und Frauen, Migrant*innen, Menschen ohne viel Geld. Und eine WM lebt von den zwischenmenschlichen Begegnungen, wie sie auch unsere Freiwilligen machen, ob in Chicago oder Philadelphia.

Drei Personen in Fußballtrikots (Eintracht, DFB, retro) stehen auf Gehweg in Chicago vor Ladenfenstern mit verpixelten Köpfen.
Die ASF-Freiwillige Nadja traf in Chicago die beiden deutschen Nationalspieler Jonathan Tah und Nadiem Amiri

Die WM ist von der FIFA mit noch einmal mehr Teilnehmernationen, noch mehr Spielen in drei Ländern und werbewirksamen Trinkpausen aufgebläht worden. Korruptionsvorwürfe, horrende Preise bei Tickets, Getränken und Transport belasten die Fussballfans. Vor allem jedoch die politischen Spannungen überschatten das eigentliche Spiel mit dem Ball. US-Präsident Trump instrumentalisierte seit langem unverhohlen das Großevent. Zugleich liegen die sozialen und politischen Konfliktlinien im Lande offen.

Die ASF-Partnerorganisation HIAS (Hebrew Immigration Aid Society), die Immigrant*innen in den USA berät und begleitet, warnte mit einer Reihe anderer NGOS im Vorfeld der WM davor, dass die Grenzschutzpolizei ICE ihre hochumstrittenen Razzien gezielt bei Public Viewings durchführen könnte, weil sie dort besonders viele Migrant*innen vermutet. Sie beteiligt sich an Trainings, um in Gastgeberstädten wie Philadelphia Fanfeste sicher durchführen zu können. Denn in den USA ist Soccer neben den großen US-Sportarten wie Football, Baseball oder Basketball eher ein Nischensport, der aber vor allem unter Mädchen und jungen Frauen sowie traditionell in den großen lateinamerikanischen aber auch auch den afrikanischen US-Communities boomt. Entsprechend groß ist die Sorge, dass es hier zu den berüchtigten Übergriffen mit willkürlichen Festnahmen und oftmals illegalen Abschiebungen unter unmenschlichen Bedingungen kommt.

Dennoch oder gerade deswegen feiern viele fussballverrückte Communities auch bewusst in aller Öffentlichkeit. Dabei vermischen sich die vielen Events zur Weltmeisterschaft mit den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag am 4. Juli. Jedes Jahr wird dieser Tag neben offiziellen Zeremonien vor allem als Volksfest mit Straßenfesten, Barbecue und Feuerwerk begangen. Während die US-Administration unter Präsident Trump eine pompöse Inszenierung vorbereitet, gibt es landesweit viele mal volkstümliche mal bewusst kritische Veranstaltungen, die sich auch mit den Schattenseiten der US-amerikanischen Geschichte auseinandersetzen.

Derweil kommen trotz aller Schwierigkeiten bei Einreise und Wucherpreisen Fans aus aller Welt zur WM. Anders als bei manchen Turnieren in Europa sind die allermeisten Fanfeste sehr friedlich und viele Fans feiern zusammen. So erlebten die ASF-Freiwilligen Nadja (aus Chicago), Nell (aus New York City) und Fabiana, Hanneli und Tom in Philadelphia viele offene und neugierige Reaktionen bei einem WM-Fest in Philadelphia.

Nadja, die sich als Freiwillige in Chicago im Sozialprojekt Cradles to Crayons engagiert berichtete: „Anders als in Chicago gibt es in „Philly“ eine richtige WM-Stimmung. Hier gibt es ein ziemlich großes Public Viewing Festival und es finden auch einige Spiele im Eagles Stadion statt. Deshalb ist die Stadt voll mit Fans. Vor dem Art Museum trafen wir auch viele Ecuador-Fans, die vor ihrem Spiel gegen die Elfenbeinküste zusammen gekommen waren. Mehrere Male wurden wir für ein gemeinsames Foto gefragt und hatten nette Unterhaltungen mit Menschen aus vielen verschiedenen Länder. Ich habe zumindest in einigen Städten das Gefühl, dass die WM die Leute ein wenig mehr zusammenbringt gerade.“

In Chicago wiederum, wo zwar keine WM-Spiele stattfinden, aber Deutschland und die USA ein Freundschaftsspiel austragen trafen Freiwillige ganz unverhofft die deutschen WM-Elf am Lake Michigan: Karl, der sich im jüdischen Pflegeheim Selfhelp Home engagiert, berichtet: „Nadja und ich haben Julian Nagelsmann und die Spieler zufällig Downtown getroffen! Allgemein habe ich nicht das Gefühl, dass sich sehr viele Leute in Chicago für die WM interessieren, vielleicht auch deshalb, weil in der Stadt keine Spiele stattfinden. Ich denke, dass viele sich nicht für die WM interessieren, liegt zum einen natürlich daran, dass Fußball in den USA allgemein nicht so populär ist und zum anderen, dass die FIFA für ihre politischen Positionen kritisiert wird. In Philadelphia und den anderen Austragungsorten ist das aber wohl ganz anders.“

In den USA engagieren sich aktuell rund 20 Freiwillige in mehreren Städten an der Ostküste sowie im mittleren Westen: von Boston über New York City, Philadelphia, Camden bis ins beschauliche Innisfree Village in Crozet, Virginia sowie in Chicago und Cleveland, Ohio. Sie begleiten jüdische Senior*innen, Menschen mit Behinderung und engagieren sich in Museen, NGOs und verschiedenen sozialen Initiativen.

Bis Ende Juni können sich Kurzentschlossene noch als ASF-Freiwillige für offene Stellen in mehreren Ländern bewerben.

Matteo Schürenberg, leitet den ASF-Kommunikationsbereich

WM-Eindrücke von Freiwilligen in den USA

ASF-Freiwillige feiern mit Ecuador-Fans die WM in Philadelphia. Bild: privat
Der ASF-Freiwillige Karl traf in Chicago den deutschen Bundestrainer Julian Nagelsmann
Die ASF-Freiwillige Nadja traf in Chicago die beiden deutschen Nationalspieler Jonathan Tah und Nadiem Amiri
Am besten einfach selbst spielen! Der Freiwillige Tom nach einem Match in seiner Freiwilligenstelle.