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Für sie ist jeder Tag Yom Ha Shoah
Seit gut vier Monaten leiste ich meinen Freiwilligendienst in Yad Vashem in Jerusalem. In einer der bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätten der Welt lerne ich ständig Neues, auch über die israelische Erinnerungskultur zur Shoah. Das Land der Überlebenden erinnert natürlich anders an NS-Verbrechen, als ich das bisher aus Deutschland und Europa kannte.
In erster Linie empfinde ich Yad Vashem als Ort für das persönliche Gedenken. Ein Ort, wo um Angehörige oder Freund*innen getrauert werden kann, die kein eigenes Grab haben. Im Mittelpunkt stehen die Opfer der Shoah als Individuen. Der Fokus liegt weniger auf dem Massenmord als auf vielen einzelnen Jüdinnen*Juden, alle mit ihrer eigenen Geschichte. Und alle mit dem Recht, dass man sich an sie als Mensch erinnert und nicht nur als Teil einer Opfergruppe. Deshalb hat es sich Yad Vashem zur Aufgabe gemacht, die Namen aller Ermordeten zu sammeln, um ihnen »ein Denkmal und einen Namen« (auf Hebräisch: Yad Va Shem) zu geben. Gut fünf Millionen Namen sind bereits erforscht worden, man kann sie im »Buch der Namen« nachlesen.
Schwäbische Dörfer im Tal der Gemeinden
Auch an all die vielen jüdischen Gemeinden und ihre jahrhundertealte Geschichte in Europa, die nach der Shoah und deutschen NS-Besatzung teils vollständig vernichtet waren, wird erinnert. Das ermöglicht den Besucher*innen einen persönlichen Zugang. Denn wenn ich im »Valley of the Communities« meinen eigenen Geburtsort zwischen vielen weiteren Namen schwäbischer Städte und Dörfer entdecke, rückt das den Holocaust viel näher an mein Leben heran.
Wie wird in Israel an die Shoah erinnert? Eine weitere interessante Antwort zeigt sich in der Architektur des Holocaust-Museums. Zu Beginn geht man als Besucher*in in dem lang gestreckten, in einen Hügel vor Jerusalem gelegten Bau leicht bergab, auf kaltem Betonboden, nur schwach beleuchtet – hinab in die Katastrophe. Am Ende der Ausstellung läuft man wieder auf Teppichboden und es geht leicht bergauf, bis zu einer Aussichtsplattform, die einen tollen Blick über die Jerusalemer Berge bietet. Ich sehe hier, dass die Shoah nicht das Ende der Geschichte des jüdischen Volks ist. Die Staatsgründung drei Jahre nach dem Ende der Shoah ist sicherlich kein »Happy End«, aber unzweifelhaft steckt darin etwas Tröstliches. Denn anders als in Europa, wo mit der Shoah jüdisches Leben häufig ganz oft aufgehört hat zu existieren, sieht man in Yad Vashem: »Am Israel Chai«, das Volk Israel lebt.
Zwischen individueller Erinnerung und nationalem Narrativ
Wie die Shoah mit dem Zionismus und der Gründung des Staates Israel verbunden ist, kann man in Yad Vashem nicht erfahren, sondern erlaufen: auf dem »Interconnecting Path«, der zum Herzlberg führt. Auf dem »Berg der Erinnerung« befinden sich neben Yad Vashem auch die Gräber der wichtigsten Führungspersönlichkeiten der zionistischen Bewegung, Gräber gefallener israelischer Soldat*innen und weitere Gedenkstätten. Allein durch die Standortwahl entsteht hier also ein nationales Narrativ, das von der zionistischen Gründergeneration über die Shoah bis zu den Gefallenen der letzten Kriege reicht. Das ist für mich als Außenstehenden sehr spannend zu beobachten.
Die Bibelillustrationen von Carol Deutsch gehören zu meinen Lieblingsstücken in Yad Vashem. Der belgische Künstler schuf mitten im Zweiten Weltkrieg 99 farbenfrohe Bilder, damit seine zweijährige Tochter ihre jüdische Identität nie vergisst. 1943 wurde er verhaftet, nach Auschwitz deportiert und später in Buchenwald erschossen. Das ist nur eines von sehr vielen Beispielen, die zeigen, wie sich Jüdinnen*Juden während der Shoah nicht zu Opfern machen ließen, sondern auch (oder gerade) unter den schwierigsten Bedingungen ihre Kultur und ihre Religion aufrechterhalten haben.
Eine kürzlich eröffnete Ausstellung in der Synagoge von Yad Vashem zum jüdischen Kalender erzählt zu jedem wichtigen Fest Geschichten von Verfolgten, die in Lagern, im Versteck oder auf der Flucht trotz allem diese Feste gefeiert haben. Das erinnert mich an die sechs Geiseln, die im Dezember 2023 in den Tunneln unter Gaza zusammen Chanukka gefeiert haben. Dadurch wird deutlich: Die jüdische Tradition hat Menschen schon immer Kraft gegeben und ist auch eine Form der Erinnerung.
Jüdisches Leben zeigen und erinnern im Alltag
Viele der beschriebenen Aspekte der israelischen Erinnerungskultur sind natürlich einzigartig für das Land der Überlebenden. Trotzdem finde ich, dass sich deutsche Erinnerungsarbeit auch davon inspirieren lassen kann. Jüdisches Leben statt (nur) jüdischen Tod zu zeigen und jedem Opfer die Menschlichkeit wiederzugeben, die die Nazis versucht haben auszulöschen – das sind für mich zwei der bemerkenswerten Ansätze von Yad Vashem.
Der wichtigste Gedenktag ist in Israel nicht am 27. Januar, sondern am Yom Ha Shoah, der sich nach dem jüdischen Kalender richtet und in diesem Jahr auf den 14. April fällt. Ein Gespräch mit einer Zeitzeugin bleibt mir an solchen Tagen besonders im Kopf. Sie meinte, dass sich nur an diesem einen Tag alle für ihre Geschichte interessieren – und dann ein Jahr lang nicht mehr. Dabei ist für sie jeden Tag Yom Ha Shoah, Tag der Shoah. Denn sie muss jeden Tag mit der Erinnerung an ihre ermordeten Eltern aufwachen.
Daniel Grützmacher ist als ASF-Freiwilliger seit September 2025 in Jerusalem an der Gedenkstätte Yad Vashem. Sein Freiwilligendienst findet im Rahmen des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes (IJFD) statt und wird von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) gefördert. Nach Beginn des aktuellen Krieges im Nahen Osten musste er aus Israel ausreisen. Er setzt nun seinen Freiwilligendienst in Norwegen fort.