Wir erinnern. Nicht nur am 27. Januar

Freiwillige engagieren sich weltweit für eine lebendige Erinnerungskultur: an Gedenkorten oder in der Begleitung von Überlebenden oder Menschen mit Behinderung. Sie tun das konkret und für zwölf Monate. In vielen Begegnungen erfahren sie mehr. Geschichte wird lebendig und Teil des Alltags, nicht nur ein Thema für einen Gedenktag wie den 27. Januar. Hier berichten Khrystyna, Daniel, Margalit und Emma über ihre Erfahrungen und Gedanken zu diesem Tag.

Freiwillige besuchen 2024 das Majdanek-Gedenkstätte in Lublin, Polen, auf einem Kiesweg hinter Stacheldraht.

Rund 120 Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste sind in verschiedenen europäischen Ländern, in Israel und den USA engagiert. Sie arbeiten an Gedenkorten wie KZ-Gedenkstätten, Archiven und Museen. Oder sie bringen sich in Kulturzentren und Friedensinitiativen ein. Sie begleiten Überlebende der Shoah oder Zwangsarbeit. Sie unterstützen Menschen mit Behinderung oder Suchtkranke und Obdachlose. Denn auch heute werden Menschen abgewertet, antisemitisch oder rassistisch verfolgt. Dagegen setzen die Freiwilligen Sühnezeichen für eine Umkehr zu Gerechtigkeit, Erinnerung und Frieden.

 

 

Lebendige Formen des Erinnerns

Die Evangelische Versöhnungskirche auf der KZ-Gedenkstätte Dachau bei München. Photo: KZ-Gedenkstätte Dachau
Über 160.000 Menschen wurden hier inhaftiert, über 40.000 von ihnen kamen hier ums Leben. Bild KZ-Gedenkstätte Dachau
Die ASF-Freiwillige Khrystyna aus der Ukraine engagiert sich für die Begegnungsarbeit in der Versöhnungskirche Dachau.
Der ASF-Freiwillige Daniel arbeitet aktuell für ein Jahr in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
Bild: WDR Fernsehen/Screenshot.
Orte Jüdischer Gemeinden im heutigen Baden-Württemberg im Tal der Gemeinden in Yad Vashem.
Bibelillustrationen von Carol Deutsch für seine Tochter im Holocaust geschaffen.
Plakat per Hand gedruckt im Ort der Verbundenheit
Einige der Plakate erinnern in der Gedenkstätte Neuengamme an die dort Verfolgten.

Khrystyna
ASF-Freiwillige aus der Ukraine an der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis ist bis heute wichtig. Sie zeigt uns, dass Verbrechen gegen die Menschheit kein bloßer Zufall ist, sondern das Ergebnis von Entscheidungen, Ideologie und Gleichgültigkeit. In unserer Welt werden heute wieder Kriege gerechtfertigt: mit Propaganda, der Verweigerung von Verantwortung und der Abwertung menschlichen Lebens. In der heutigen Welt werden Kriege und Konflikte wieder mit Propaganda, Verantwortungsverweigerung und der Abwertung menschlichen Lebens gerechtfertigt. Die Geschichte hilft uns dabei, diese gefährlichen Tendenzen zu erkennen. Sie macht deutlich, wie dringlich es heute ist, Verantwortung zu übernehmen und solidarisch mit den Opfern von Krieg und Unterdrückung zu sein.

Bei meiner Arbeit in der Evangelischen Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau werde ich täglich mit der Geschichte der NS-Verbrechen durch die Geschichten von Überlebenden, historischen Zeugnissen und den Reaktionen der Besucher*innen konfrontiert. Ich finde meine Arbeit hier sinnvoll und motivierend: Ich kann dabei sehen, wie die Erinnerung zum Nachdenken, zur Empathie und zum Engagement für die Prävention von Gewalt und Ungerechtigkeit in der heutigen Zeit anregt.

 

Daniel
ASF-Freiwilliger in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem

In Yad Vashem lerne ich immer wieder Neues, wie im Land der Überlebenden an die NS-Verbrechen erinnert wird. Das ist natürlich in Vielem anders, als ich das bisher aus Europa kannte.

Yad Vashem sehe ich vor allem als Ort für das persönliche Gedenken. Ein Ort, wo um Angehörige oder Freunde getrauert werden kann, die kein eigenes Grab haben.

Im Mittelpunkt stehen die Opfer der Shoah als Individuen mit ihrer eigenen Geschichte, mit dem Recht, dass wir sie als Mensch erinnern und nicht nur als Teil einer Opfergruppe. Deshalb sammelt Yad Vashem die Namen aller  Ermordeten , um ihnen „ein Denkmal und ein Name“ (auf hebräisch: Yad Va Shem) zu geben.

Auch an alle ausgelöschten jüdischen Gemeinden wird erinnert. Hier, im „Tal der Gemeinden“ konnte ich auf einem Gedenkstein den Namen meines eigenen Geburtsorts in Schwaben entdecken – das rückt den Holocaust viel näher an mein Leben heran.

Wie wird in Israel an die Shoah erinnert? Das zeigt sich in der Architektur des Museums: Zu Beginn geht man als Besucher leicht bergab, auf kalten Betonboden – hinab in die Katastrophe. Am Ende läuft man wieder auf Teppichboden und es geht leicht bergauf, bis zu einer Aussichtsplattform, die einen tollen Blick über die Jerusalemer Berge bietet. Ich sehe hier, dass die Shoah nicht das Ende der Geschichte des jüdischen Volks ist. Trotz aller Konflikte und Gewalt bis heute: Darin steckt etwas Tröstliches.

Die Bibelillustrationen von Carol Deutsch gehören zu meinen Lieblingsstücken in Yad Vashem. Der belgische Künstler schuf mitten im Zweiten Weltkrieg 99 farbenfrohe Bilder, damit seine zweijährige Tochter ihre jüdische Identität nie vergisst. Das zeigt: Jüdinnen und Juden waren in der Shoah nicht Opfer, sondern hielten auch (oder gerade) unter den schwierigsten Bedingungen ihre Kultur und ihren Glauben aufrecht.

Der wichtigste Gedenktag ist in Israel nicht am 27. Januar, sondern Yom HaShoah. Ein Satz einer Zeitzeugin kommt mir immer in den Sinn: Sie meinte, dass sich einmal im Jahr alle für ihre Geschichte interessieren – und dann ein Jahr lang nicht mehr. Dabei ist für sie jeden Tag Yom Ha Shoah, Tag der Shoah. Denn sie wacht jeden Tag mit der Erinnerung an ihre ermordeten Eltern auf.

Seit gut vier Monaten leiste ich meinen Freiwilligendienst in Yad Vashem in Jerusalem. In einer der bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätten der Welt lerne ich ständig Neues, auch über die israelische Erinnerungskultur zur Shoah. Das Land der Überlebenden erinnert natürlich anders an NS-Verbrechen, als ich das bisher aus Europa kannte.

In erster Linie empfinde ich Yad Vashem als Ort für das persönliche Gedenken. Ein Ort, wo um Angehörige oder Freunde getrauert werden kann, die kein eigenes Grab haben.

Im Mittelpunkt stehen die Opfer der Shoah als Individuen. Der Fokus liegt weniger auf dem Massenmord als auf vielen einzelnen Jüdinnen und Juden, alle mit ihrer eigenen Geschichte. Und alle mit dem Recht, dass man sich an sie als Mensch erinnert und nicht nur als Teil einer Opfergruppe. Deshalb hat es sich Yad Vashem zur Aufgabe gemacht, die Namen aller  Ermordeten zu sammeln, um ihnen „ein Denkmal und ein Name“ (auf hebräisch: Yad Va Shem) zu geben. Gut fünf Millionen Namen sind bereits erforscht worden, man kann sie im „Book of Names“ nachlesen.

Auch an alle ausgelöschten jüdischen Gemeinden wird erinnert. Das ermöglicht jedem Besucher einen persönlichen Zugang. Denn wenn ich im „Valley of the Communities“ meinen eigenen Geburtsort entdecke, rückt das den Holocaust näher an mein Leben heran.

Wie wird in Israel an die Shoah erinnert? Eine weitere interessante Antwort zeigt sich in der Architektur des Holocaust-Museums. Zu Beginn geht man als Besucher leicht bergab, auf kalten Betonboden – hinab in die Katastrophe. Am Ende der Ausstellung läuft man wieder auf Teppichboden und es geht leicht bergauf, bis zu einer Aussichtsplattform, die einen tollen Blick über die Jerusalemer Berge bietet. Ich sehe hier, dass die Shoah nicht das Ende der Geschichte des jüdischen Volks ist. Die Staatsgründung drei Jahre nach dem Ende der Shoah ist sicherlich kein „Happy End“. Aber unzweifelhaft steckt darin etwas Tröstliches. Denn anders als in Europa, wo mit der Shoah jüdisches Leben häufig ganz oft aufgehört hat zu existieren, sieht man in Yad Vashem: Am Israel Chai, das Volk Israel lebt.

Wie die Shoah mit dem Zionismus und der Gründung des Staates Israel verbunden ist, kann man in Yad Vashem nicht erfahren, sondern erlaufen: auf dem „Interconnecting Path“, der zum Herzlberg führt. Auf dem „Berg der Erinnerung“ befinden sich neben Yad Vashem auch die Gräber der wichtigsten Führungspersönlichkeiten der zionistischen Bewegung, die Gräber der gefallenen israelischen Soldaten und weitere Gedenkstätten. Allein durch die Standortwahl entsteht hier also ein nationales Narrativ, das von den ersten Zionisten über die Shoah bis zu den Gefallenen der letzten Kriege reicht. Das ist für mich als Außenstehenden sehr spannend zu beobachten.

Die Bibelillustrationen von Carol Deutsch gehören zu meinen Lieblingsstücken in Yad Vashem. Der belgische Künstler schuf mitten im Zweiten Weltkrieg 99 farbenfrohe Bilder, damit seine zweijährige Tochter ihre jüdische Identität nie vergisst. Das ist nur eines von sehr vielen Beispielen, die zeigen, wie sich Jüdinnen und Juden während der Shoah nicht zu Opfern machen ließen, sondern auch (oder gerade) unter den schwierigsten Bedingungen ihre Kultur und ihre Religion aufrecht erhalten haben.

Eine kürzlich eröffnete Ausstellung in der Synagoge von Yad Vashem zum jüdischen Kalender erzählt zu jedem wichtigen Fest Geschichten von Verfolgten, die in Lagern, im Versteck oder auf der Flucht trotz allem diese Feste gefeiert haben. Das erinnert mich an die sechs Geiseln, die im Dezember 2023 in den Tunneln unter Gaza zusammen Chanukka gefeiert haben.

Dadurch wird deutlich: Die jüdische Tradition hat Menschen schon immer Kraft gegeben und ist auch eine Form der Erinnerung.

Viele der beschriebenen Aspekte der israelischen Erinnerungskultur sind natürlich einzigartig für das Land der Überlebenden. Trotzdem finde ich, dass sich deutsche Erinnerungsarbeit auch davon inspirieren lassen kann. Jüdisches Leben statt (nur) jüdischen Tod zu zeigen und jedem Opfer die Menschlichkeit wiederzugeben, die die Nazis versucht haben auszulöschen – das sind für mich zwei der bemerkenswerten Ansätze von Yad Vashem.

Der wichtigste Gedenktag ist in Israel nicht am 27. Januar, sondern am Yom HaShoah (dieses Jahr der 14. April). Ein Gespräch mit einer Zeitzeugin bleibt mir aber an solchen Tagen besonders im Kopf. Sie meinte, dass sich an einem Tag alle für ihre Geschichte interessieren – und dann ein Jahr lang nicht mehr. Dabei ist für sie jeden Tag Yom Ha Shoah, Tag der Shoah. Denn sie wacht jeden Tag mit der Erinnerung an ihre ermordeten Eltern auf.

 

Emma und Margalit
ASF-Freiwillige aus den Niederlanden und USA in der Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg

Müssen Gedenkstätten immer aus Stein oder Metall gemacht sein?

Der Ort der Verbundenheit in Neuengamme ist davon nicht überzeugt!

Dieses Projekt wurde von Angehörigen ehemaliger Häftlinge in Neuengamme ins Leben gerufen. Wir finden: Es ist ein einzigartiges Beispiel für eine lebendige Erinnerung, die auf Interaktion, Selbermachen und Kunst setzt.

Die Angehörigen haben Plakate ihrer Familienmitglieder entworfen, die dann in Druckplatten aus Plexiglas umgewandelt wurden. Auf dem Gelände der Gedenkstätte wurde eine Druckerpresse aufgestellt, an der Angehörige und Besucher ihre eigenen Plakate drucken können.

Sie können diese Plakate dann in Neuengamme aufhängen oder mit nach Hause nehmen. So lebt die Erinnerung an die ehemaligen Häftlinge auch außerhalb der Gedenkstätte weiter.

Auf Bitten von Familien aus der ganzen Welt drucken wir die Plakate, um an ihre Verwandten zu erinnern.