Geschichte quer gelesen

Zeitschrift: zeichen 2/2025

Intersektionalität und Erinnerung

Wie wir erinnern, an wen und aus welchem Blickwinkel, sagt viel über unsere Gegenwart aus. Denn Ungerechtigkeiten und Ausgrenzung schreiben sich fort, wenn wir uns nicht den historischen Verletzungen stellen, wenn wir nicht auf ihre Folgen bis heute schauen und sie in Bezug zu uns selbst setzen. Entscheidend ist es dabei, denjenigen zuzuhören, die diese Gewalt erlitten haben, den Überlebenden und ihren Nachkommen – gerade denjenigen, die kaum zur Sprache kommen in öffentlichen Debatten. Dieser offene Blick fällt nicht einfach, sondern ist vielfältig, auch widersprüchlich. Dazu haben wir in diesem zeichen ganz unterschiedliche Stimmen in einen Dialog gebracht.

Zwei Menschen lachen in die Kamera. Text: Geschichte Quer gelesen - Intersektionalität und Erinnerung. Logo: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
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In diesem zeichen versammeln wir Erinnerungsperspektiven aus verschiedenen Zeiten und Weltregionen. Sie zeigen uns, wie sich Verfolgung verstärkt, etwa für junge Frauen aus ärmeren Verhältnissen, die nicht in die NS-Volksgemeinschaft passten und dafür im Jugend-KZ Uckermark inhaftiert wurden oder für jüdische Menschen aus Osteuropa in Deutschland, die schon lange vor 1933 Vorurteile trafen. Jannis Panagiotidis zieht in einem Interview eine lange Linie dieser Geschichte bis zu heutigem antislawischen Rassismus, der sich mit Antisemitismus und Antiziganismus auflädt.

Cheryl Greenbergs Rückblick auf die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung von Schwarzen und Jüdinnen*Juden in den USA zeigt zugleich das Potenzial für Solidarität aufgrund ähnlicher Ausgrenzungserfahrungen – solange diese Unrechtserfahrungen in ihrer Besonderheit anerkannt und nicht gegeneinander ausgespielt werden, wie Monty Ott in seinem Beitrag am Verhältnis antisemitismuskritischer und postkolonialer Diskurse problematisiert. Özge Erdoğan beschreibt am türkischen Rechtsextremismus wiederum die Schwierigkeit, wenn die besondere Situation von Minderheiten in der Minderheit – etwa der alewitischen Gemeinde – in der deutschen Gesellschaft nicht wahrgenommen und in der Folge türkischer Rechtsextremismus nicht benannt wird – auch aus Sorge, dass diese an sich berechtigte Kritik rassistisch instrumentalisiert zu werden droht. Vida Funke schreibt wiederum über Frauen im Iran zusammen, die lokale Traditionen modisch neu interpretieren und damit eine widerständige Erinnerungskultur gegen alle Unterdrückung entwickeln.

Die Bildreihe von ASF-Freiwilligen aus den Niederlanden gibt uns Einblicke, wie vielfältig die Begegnungen sind, die sie in ihrem Jahr mit ASF erleben und zwar oft mit Menschen, deren Perspektive marginalisiert ist und die bereits im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Und zwei eindrückliche Berichte aus den USA zeigen, wie existenziell unsere Solidarität mit den Verfolgten von heute ist.