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Ein Leben zwischen Stacheldraht
Ich wollte diese Menschen kennenlernen. Hinter jedem „Asylsuchenden“ steckt ein Mensch mit Namen, Familie und Geschichte, deshalb habe ich mich für ein Auslandsjahr in diesem Feld entschieden. Hier arbeite ich mit Kindern und Frauen aus dem Flüchtlingslager. Es ist gut 14 Kilometer von der Großstadt Thessaloniki im Norden Griechenlands entfernt, unweit des Vorortes Diavata. Das Camp existiert seit 2016 und ist heute das Registrierungscamp für Nordgriechenland. Nichts als alte Industrieanlagen und Ruinen von Häusern umgeben das Camp. Erst war es umschlossen von einem Stacheldrahtzaun, später wurde eine meterhohe Mauer gebaut, die an ein Gefängnis erinnert. Am Eingang ein Block mit Security. Rund um die Uhr gibt es diese Security, die genau kontrolliert, wer in das Camp kommt und wer von dort geht. Im Camp darf kein Besuch empfangen werden. Die Frauen erzählen uns, wie beengt die Wohnsituation in den Containern ist. Meist müssen sich zwei Familien einen Container teilen. Häufig gibt es hygienische Probleme wie Kakerlaken. Im besten Fall gibt es einen Kühlschrank und einen Ofen. Das alles bietet nicht viel zum Leben. Alle Asylbewerber*innen in Griechenland müssen seit 2022 in solchen Camps leben. Ein Programm mit Wohnungen in der Stadt wurde damals von der Regierung beendet.
Die Menschen hier haben immerhin den Vorteil, so nah an einer Großstadt zu leben. Andere Camps in Nordgriechenland sind viel schlechter an Infrastruktur angeschlossen. Doch auch hier fahren nur selten Busse in die Stadt. Ein anderer Weg zum Vorort Diavata führt zu Fuß entlang der Schnellstraße, an der es jedoch keinen richtigen Bürgersteig gibt. Die Menschen haben dadurch nur eingeschränkten Zugang zu Läden oder sozialen Einrichtungen. Die medizinische Versorgung im Camp ist völlig unzureichend und das staatliche Gesundheitszentrum mit wenig Personal ist nur stundenweise geöffnet. Die Menschen bekommen dreimal täglich Essen geliefert, wobei alle die gleiche Menge erhalten. Auf den besonderen Bedarf von Kindern oder bei Erkrankungen wie beispielsweise Diabetes wird nicht eingegangen. Weitere Unterstützung durch NGOs gibt es nur vereinzelt im Stadtzentrum. So sind wir in der CASA BASE die erste Anlaufstelle für viele Betroffene.
Direkt neben dem Camp gibt es diesen Safe Space für Frauen und Kinder des Camps: CASA BASE von der NGO Naomi. Ökumenische Werkstatt für Geflüchtete. Hier können die Frauen ein wenig dem Alltag des Camps entkommen und sich Kleidung aus Spenden aussuchen sowie – wenn vorhanden – Hygieneprodukte. Es gibt auch eine kleine Küche zum Kochen und Backen.
Hier arbeite ich nun für ein Jahr gemeinsam mit einer Hauptamtlichen und mehreren Freiwilligen. Jeden Tag merke ich, wie wichtig dieser Ort für die Frauen und Kinder ist. Für eine gewisse Zeit können sie hier ihren Alltag vergessen, umgeben von Menschen, die Ihnen zuhören. Den männlichen Campbewohnern fehlt so ein Ort in der Nähe des Camps. Immer wieder erleben wir hilflose Männer, die bei uns um Kleidung und generelle Unterstützung bitten.
Die meisten Menschen kommen aus der Türkei nach Griechenland, einige durchqueren dafür den Grenzfluss Evros/Mariza. Aufgrund fehlender Aufnahmekapazitäten werden Menschen auch direkt von den Inseln nach Athen und dann mit dem Bus nach Thessaloniki geschickt, um hier registriert zu werden. Sie kommen dann häufig ohne richtige Kleidung und Schuhe an. Immer wieder kommen Menschen zu uns, die auf ihre Aufnahme in das Camp warten und verzweifelt sind, weil sie bis dahin keinen Anspruch auf Versorgung und Unterkunft haben. Bei diesem ersten Aufnahmetermin werden im Camp generelle Informationen wie der Name, das Herkunftsland und das Alter sowie die medizinische Verfassung geklärt. Vor diesem Termin sind die Geflüchteten praktisch ungeschützt. Nach ihrem ersten Gespräch sind sie allerdings noch nicht vollständig registriert. Bis dahin dürfen sie das Camp nicht verlassen. Dieses Ausgangsverbot gilt für maximal 25 Tage. Nach dem Gespräch erhalten die Menschen Asylum Seeker Card, mit der sie Anspruch auf einen monatlichen Geldbetrag haben, sowie Zugang zur griechischen Krankenversicherung. Sie sind nun offiziell Asylsuchende. Darauf folgt ein zweites Interview. Hier müssen die Asylsuchenden genau beschreiben, weshalb sie nicht in ihrem Herkunftsland bleiben konnten, wie und mit wem sie geflohen sindt. Fällt das Interview positiv für die Asylsuchenden aus, erhalten sie ihre Aufenthaltserlaubnis und können Reisedokumente beantragen. Sie müssen nun das Camp verlassen und haben keinen Anspruch mehr auf finanzielle Unterstützung sowie die Essensausgabe.
Fällt das Interview negativ aus, erhalten die Personen keinen Flüchtlingsstatus. Sie versuchen dann oft, mit neuen Dokumenten abermals einen Antrag zu stellen. Eine größere Chance haben sie, wenn sich die politische Situation im Heimatland verändert oder wenn sie beispielsweise neue Dokumente vorweisen können. Das Verfahren unterscheidet sich von Fluchtgeschichte zu Fluchtgeschichte sehr.
Das beschriebene Camp ist ein Transitcamp, die Menschen werden meist schnell registriert und dann in andere Lager geschickt. Auch wir erleben in CASA BASE immer wieder, wie sich Menschen traurig von unserer Gemeinschaft verabschieden müssen, ohne zu wissen, wohin sie als nächstes kommen. Von einem Tag auf den anderen werden die Menschen in Busse gesteckt und in ein anderes Camp gebracht. Auch die Kinder, die schon in die örtlichen griechischen Schulen gegangen sind, müssen sich im neuen Camp an anderen Schulen gewöhnen. Durchschnittlich 200 Personen bleiben das ganze Verfahren über im Camp, da vulnerable Familienmitglieder auf medizinische Einrichtungen in der Stadt angewiesen sind.
Es gibt Fälle, bei denen das Verfahren länger als fünf Jahre dauern kann. Der Prozess bis hin zum Erhalten eines Ausweises kann ermüdend lange dauern. Man weiß nie genau, ob die Menschen ihr Ziel erreichen oder was sie in anderen Ländern erwartet. In CASA BASE haben wir auch eine Familie kennengelernt, die von Deutschland wieder nach Griechenland abgeschoben wurde. Auch zwei junge Frauen aus Finnland wurden getrennt von ihrer Familie zurückgeschickt, da sie im Gegensatz zu ihrer Mutter und ihrem minderjährigen Geschwisterkind nicht als vulnerabel eingestuft wurden. Dass Familien einfach so getrennt werden, finde ich unmenschlich.
Viele Menschen hier wollen etwas Sicherheit und Unabhängigkeit und suchen nach Arbeit. Doch ohne Sprachkurse bleiben für sie oft nur einfache Jobs wie Putz- und Abwascharbeiten oder Arbeit in der Landwirtschaft übrig. Hier im Norden Griechenlands sind das oft Baumwoll-, Tabak- und Obstplantagen. Meist sind die Arbeitsbedingungen prekär und illegal.
Griechenland gerät immer mehr unter Druck in der Auseinandersetzung um den Umgang mit den Flüchtlingen. Vieles hat sich verändert in den zehn Jahren, in denen das Camp nun schon existiert. Das Camp hat eine Kapazität für circa 1.000 Menschen. Zwischen 2016 und 2021 war es fast immer überfüllt mit bis zu 2.500 Menschen. In der Zeit um 2016 wurden viele Flüchtlingscamps eingerichtet. Damals regierte Präsident Tsipras von der linksgerichteten Partei Syriza. Mittlerweile verfolgt der heutige Minister für Flüchtlinge und Migration Plevris der Nea Dimokratia einen rechtsgerichteteren Kurs. Im Juli 2025 entschied das Parlament, die Registrierung von Asylsuchenden aus Libyen für drei Monate zu stoppen. Im Mittelmeer müssen immer wieder Rettungsorganisationen die Rettung Schiffbrüchiger übernehmen, während von der libyschen und auch von der griechischen Küstenwache vielfach Übergriffe auf die Boote mit Geflüchteten dokumentiert sind. Im August wurde sogar ein Rettungsschiff mit Schüssen bedroht.
Die EU fördert sogar die lybische Küstenwache, die auf menschenverachtende Weise Menschen den Weg nach Europa versperrt. Der Druck auf NGOs ist groß. Von den einmal fünfzehn Schutzräumen betreibt die Organisation ARSIS heute nur noch drei im Großraum Thessaloniki. Auch NGOs aus anderen Ländern arbeiten nun nicht mehr in der Region. Trotzdem wird man die Menschen nie einfach ignorieren können.
Zusammen mit den anderen Freiwilligen freue ich mich, einen Raum zu schaffen, in dem Asylsuchende und insbesondere geflüchtete Frauen in dieser sehr schwierigen Situation, gesehen, gehört und ermutigt werden.
Sophie Wozniak leistet seit September 2025 ihren ASF-Freiwilligendienst im Rahmen des Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) mit einer Förderung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens bei der NGO Naomi in Thessaloniki, Griechenland.
Mehr über die NGO Naomi findet ihr hier: naomi.gr
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Eindrücke aus Griechenland