Aus dem Freiwilligenalltag, Polen, Spenden
„Was sie erzählt hat, werde ich nicht vergessen.“
Während meines ASF-Freiwilligendienstes in Warschau hatte ich die besondere Gelegenheit, an einem Dreh der Deutschen Welle teilzunehmen. Gesucht wurden junge Menschen, die einen persönlichen Bezug zum Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus haben. Meine Urgroßmutter mütterlicherseits wurde nach Deutschland deportiert und musste in Gera auf einem Bauernhof arbeiten. Die Journalistin kam nach Warschau und führte für den Film ein Interview mit mir.
Anders als meine Urgroßmutter haben viele Zwangsarbeiter*innen die Zwangsumsiedlung und Ausbeutung nicht überlebt. Damit kam ich in meinem Freiwilligendienst bei der Stiftung für deutsch-polnische Aussöhnung immer wieder in Berührung. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit bestand darin, Spuren von Menschen zu suchen, die durch die Nationalsozialisten ermordet wurden. Oft handelt es sich um polnische Zwangsarbeiter*innen, die nach Deutschland deportiert wurden. Ich habe nach ihren Lebensdaten, Berufen oder Angaben zu Familienangehörigen gesucht. All diese Informationen gingen in eine Datenbank, die Menschen dabei hilft, vermisste Familienmitglieder ausfindig zu machen. Meine Recherchen im Archiv trugen einen kleinen Teil dazu bei, dass weniger Menschen und ihre Schicksale in Vergessenheit geraten.
Andererseits gab es auch immer wieder Personen, zu denen ich kein einziges Dokument gefunden habe. Ihre einzige namentliche Erwähnung bleibt in Listen wie die Sterbelisten einer Gemeinde oder Gräberlisten eines Friedhofs. Solche Personen geraten in Vergessenheit – viele von ihnen sind bereits vergessen. Zahlreiche Dokumente wurden von den Nazis verbrannt. Daher ist es keine Seltenheit, dass Informationen fehlen und Menschen so weitestgehend anonym bleiben.
Ein weiteres Themenfeld sind Begegnungsfahrten, zum Beispiel eine jährliche Fahrt nach Sobibór. Dort wurden über 90.000 polnische Jüdinnen und Juden von den Nazis brutal ermordet. Auf dem Gelände der Gedenkstätte gibt es eine große Fläche, welche mittlerweile vollständig mit unzähligen weißen Steinen bedeckt ist. Diese sollen an die Opfer gedenken, deren Asche auf diesem Gebiet verteilt wurde. Es ist schwer in Worte zu fassen, was dieses Meer an weißen Steinen für eine enorme Wirkung hat, wenn man direkt davorsteht.
Neben der Archivarbeit habe ich mich in der Jüdischen Gemeinde Warschau engagiert. Dort haben wir ein bis zwei Mal in der Woche Essen an ältere oder bedürftige Menschen geliefert und jeden Mittwoch habe ich die Holocaust-Überlebende Pani Ania (Pani=Frau) besucht. Pani Ania ist mittlerweile 99 Jahre alt und war während des Nationalsozialismus – im Gegensatz zu anderen heute noch lebenden Holocuastüberlebenden kein Kind mehr.
Pani Anna erzählt gerne von glücklichen Kindheitserinnerungen mit ihren Geschwistern, welche vor dem Kriegsausbruch stattfanden. Zum Beispiel, dass sie gern Spiele im Freien spielten. Ebenso gerne und viel erzählt Pani Anna von ihrer Zeit einige Jahre nach dem Krieg, in denen sie arbeitete, viele Orte bereiste und auch in anderen Ländern lebte, wie zum Beispiel in den USA. In ihrer ganzen Zeit als erwachsene Frau nach dem Zweiten Weltkrieg war sie immer gemeinnützig tätig. Sie engagierte sich freiwillig in Kinderheimen oder auch an Essensausgaben für Bedürftige.
Über ihre Zeit im Konzentrationslager in Stutthof und später in Auschwitz erzählt sie nur gelegentlich. Wir redeten viel darüber, was gerade in der Welt passiert. Bei ihr lief jeden Tag das Radio mit aktuellen Nachrichten. Für Pani Ania war es unverständlich, dass zurzeit wieder Krieg in der Welt herrscht. Sie weiß, wie es ist im Krieg zu leben, wenn gefoltert wird, wenn die Würde des Einzelnen nicht gewahrt wird und Andere nicht als ebenbürtig gelten. Frustriert erzählte sie, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg hieß, so etwas dürfe nie wieder passieren. Nie wieder sollten Menschen aufgrund eines Merkmals ihrer Identität verfolgt werden.
ASF steht für Versöhnung zwischen den Völkern, und ich finde, besonders in meiner Freiwilligenstelle ist das weiterhin ein bedeutendes Thema. In den meisten polnischen Familien gibt es irgendeine Art von Leid im Zusammenhang mit den Kriegsverbrechen der Nazis; in den meisten Familien gab es Zwangsarbeitende oder Verwandte, die in Konzentrationslagern waren. Das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir über Polen als Land oder über die Menschen dort sprechen.
Ich bin sehr dankbar Pani Ania kennengelernt zu haben. Ihre Lebenserfahrung, ihre Art auf die Welt zu schauen, ihr Vertrauen in uns, dass wir ihre Geschichte hören und damit würdig umgehen, bleibt ein einmaliges Privileg. Was sie erzählt hat, werde ich nicht vergessen.