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Geschichte in Bewegung: schwieriges Erinnern in Brno

Vor knapp 30 Jahren wurde die Deutsch-Tschechische Erklärung (česko-německá deklarace) unterschrieben. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hielten damit beide Länder in einem Vertrag ihre politische Aussöhnung fest. Ihre Beziehungen sollten nicht mehr allein durch die historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts mit deutschen NS-Verbrechen und wechselseitigen Vertreibungen belastet werden. Doch bis heute ist die Erinnerung an diese Zeit umstritten und sensibel. Gerade diese historischen Fragen haben wieder Schlagzeilen über Pfingsten gemacht. Doch es gab nicht nur Streit, sondern auch einen interessanten Versuch gemeinsamer Erinnerung, wie die ASF-Freiwillige Kira von vor Ort berichtet.

Menschenmenge wandert bergauf auf ländlicher Straße, Rückansichten mit Rucksäcken, grünen Feldern und Bäumen am Seitenrand.

Alljährlich findet der Sudetendeutsche Tag statt, an dem deutsche Heimatvertriebene aus dem böhmischen Land ein Kultur- und Gemeinschaftstreffen organisieren. 2026 fand zum ersten Mal das Treffen der Sudetendeutschen in Brno (früher Brünn) und damit in Tschechien statt. Das Festival „Meeting Brno“ hatte die Sudetendeutsche Landsmannschaft nach Brno eingeladen. Das Treffen stand dieses Jahr unter dem Slogan „Alles Leben ist Begegnung“ und befasste sich vor allem mit dem Versöhnungsgedanken und dem europäischen Zusammenhalt.

Als ASF-Freiwillige lebe ich in České Budějovice (Budweis) und engagiere mich in der Nichtregierungsorganisation Post Bellum für die Erinnerung an die tschechische Geschichte, die gerade in dieser Region stark durch die deutsch-tschechische Kulturgeschichte bestimmt ist. Post-Bellum hat es sich zur Aufgabe gemacht, Erinnerungen aus dem 20. Jahrhundert für Bildungszwecken zu dokumentieren und zugänglich zu machen. Mehr als 1.000 Zeitzeugengespräche kann man auf der Webseite www.memoryofnations.eu finden. Mit Post-Bellum nahm ich an den Gedenkaktivitäten an diesem Pfingstwochenende teil, um mögliche Zeitzeug*innen zu finden und die Veranstaltung zu dokumentieren.

Dass Angehörige der deutschen Vertriebenen und tschechische Vereine zusammen versuchen, der Geschichte zu gedenken und darüber in den Austausch zu kommen, ist bis heute alles andere als selbstverständlich. Über Jahrzehnte waren die Vertriebenentreffen von einer sehr einseitigen Sichtweise mit klaren Schuldzuweisungen und Forderungen nach einer Umkehr der neuen Grenzziehungen verbunden. Beide Seiten thematisierten vor allem das eigene Leid, ohne sich mit den Opfern der anderen Seite und den Schuldverstrickungen im eigenen Umfeld auseinanderzusetzen. Der Kalte Krieg mit dem Eisernen Vorhang fror diese Konstellation auf lange Zeit ein. Auf tschechischer Seite stand nur zu verständlich die deutsche Besatzungszeit mit den NS-Verbrechen, Zwangsarbeit und der Unterdrückung der tschechischen Kultur im Vordergrund. Als kleineres Nachbarland, das von den europäischen Großmächten 1938 geteilt und dann von Nazi-Deutschland 1939 vollends besetzt wurde und das im Sozialismus mit der Niederschlagung des Prager Frühlings abermals Gewalt und Fremdbestimmung erfuhr, blickte Tschechien immer noch mit Sorge auf diese historischen Fragen, zugleich standen die enormen Transformationsprobleme nach Zerfall der sozialistischen Wirtschaft in den 1990er-Jahren im Vordergrund.

So gab es auch nach 1989 und trotz der europäischen Integration neben viel Annäherung immer wieder Rückschläge, die vor allem nationalistische Stimmen befeuerten. Erst 2015 verzichtete die Landsmannschaft offiziell auf ihre Forderung nach einer „Rückgewinnung der Heimat“. Daher betonten beide Seiten nun im Umfeld dieses Tages: „Es ist wichtig, dass wir den nächsten Schritt machen, nicht vergessen, sondern uns mit der Geschichte auseinandersetzten, damit die Versöhnung etwas Aktives ist. Denn wir tragen alle ein Stück Verantwortung dafür, dass das nicht nochmal passiert.“

Im Zuge dieses neuen Verständnisses wurde ein Versöhnungsmarsch sowie ein Begegnungsfest veranstaltet. „Dieser Versöhnungsgedanke hat früher nicht existiert, zumindest nicht ausreichend“, berichtet eine Nachfahrin einer vertriebenen Familie. Umso wichtiger war die Verständigung bei diesem Treffen der Sudetendeutschen in Tschechien. Der Erinnerungsgang verlief in umgekehrter Richtung auf der Route des sogenannten „Brünner Todesmarsches“ von 1945, bei dem Zehntausende deutschsprachige Bewohner vertrieben wurden und zahlreiche Menschen getötet wurden. Mehr als 1.000 Menschen liefen aus Pohořelice, einer Kleinstadt im Südosten Tschechiens zurück ins 25 Kilometer nördlicher gelegene Brno an diesem heißen Samstag. Es nahmen Personen, die einen sudetendeutschen Familienhintergrund haben, Tschech*innen die sich mit dem Thema beschäftigt haben und junge und alte Menschen, die das gemeinsame Europa feiern wollten, teil. „Das finde ich herrlich, dass viele junge Menschen dabei sind“, erzählt ein Herr.

Wenn auch das Wochenende nicht nur von Zusammenstehen und Gemeinsamkeit, sondern auch von Gegenprotesten geprägt war, war „die Stimmung [innerhalb der Veranstaltung und in Brno] nicht nur friedlich, sondern freundlich.“ Die Gegenproteste forderten ein Verbot der Veranstaltung, sie wurden von kommunistischen sowie nationalistischen Parteien getragen. Demgegenüber solidarisierten sich andere Parteien, der tschechische Präsident Petr Pavel übernahm kurzfristig die Schirmherrschaft für das Festival. Es gab verschiedene Dialog- und Begegnungsformate in einem bewusst deutsch-tschechischen wie europäischen Verständnis. „Wir Europäer müssen zusammenhalten, wir müssen zusammenstehen“, so eine Teilnehmerin des Versöhnungsmarsches im Hinblick auf die gemeinsame Zukunft.

Einblicke von dem Versöhnungsmarsch