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Ein tatkräftiger Brückenbauer: Friedrich Magirius ist gestorben

Ein prägender Weggefährte und früher Dialogstifter von Aktion Sühnezeichen in der DDR ist gestorben: Friedrich „Frieder“ Magirius (26.06.1930–13.10.2025).

 

Frieder Magirius bei einer ASF-Mitgliederversammlung in einer Kirche 2018 in Berlin.
Frieder Magirius bei einer ASF-Mitgliederversammlung 2018 in Berlin. Bild: ASF

Zum ersten Mal bin ich Frieder Magirius im Sommer 1981 begegnet. Ich war zu meinem ersten Sommerlager nach Berlin gefahren und an einem Tag besuchten wir die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Im Anschluss war die ganze Gruppe bei Frieder und Christel Magirius in Germendorf bei Oranienburg eingeladen. Frieder erzählte uns von Aktion Sühnezeichen und ihrem Anliegen, durch zeichenhaftes praktisches Tun zu Frieden und Aussöhnung mit den Menschen, die unter der Nazidiktatur gelitten hatten, beizutragen. Zum Abschied sangen wir gemeinsam:

Wir knüpfen aufeinander zu,
wir knüpfen aneinander an,
Wir knüpfen miteinander,
Schalom, ein Friedensnetz!

Dieses typische Kirchentagslied aus den 1970er-Jahren ist für mich seitdem mit Frieder Magirius verbunden, denn das war er: Einer, der unermüdlich Friedensnetze knüpfte, Verbindungen herstellte, Verständigung suchte und ermöglichte.

Als junger Pfarrer in Einsiedel bei Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) kam er in Kontakt mit Aktion Sühnezeichen. Schon bald wurde er Mitglied des ehrenamtlichen Leitungskreises und 1974 als Nachfolger von Christian Schmidt zum Leiter der Aktion Sühnezeichen in der DDR (ASZ) berufen. Diese Aufgabe füllte er mit großem persönlichem Einsatz und mit menschlicher Wärme bis 1982 aus. Immer an seiner Seite und oft aktiv dabei waren seine Frau Christel und die drei Kinder Christoph, Stephan und Friederike.

Die Beziehungen zu Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn, aber auch zu den jüdischen Gemeinden in der DDR und diesen Ländern lagen Frieder Magirius ganz besonders am Herzen. Ungezählte Besuche führten ihn in alle Gegenden der DDR und viele Orte der sozialistischen Länder. Gemeinsam mit Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen von ASZ und unseren ökumenischen Partnerorganisationen vor Ort suchte und fand er immer wieder Möglichkeiten, Brücken über die tiefen Gräben, die die deutsche Schuld gerissen hatten, zu bauen.

Dazu gehörte für ihn ehrliche Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und aufrichtiges Gedenken an die Opfer. So hat er am 9. November 1978 zur Erinnerung an die sogenannte Reichspogromnacht erstmalig einen öffentlichen Gedenkweg zu den Ruinen der Synagoge in der Oranienburger Straße initiiert und gestaltet. Mit dem Ehepaar Lauscher aus Prag hat er viele Sommerlager besucht, in denen sie von ihrer Haft in Theresienstadt erzählten und uns an unsere Verantwortung heute mahnten.

Frieder Magirius war kein Aktionist, aber das beharrliche Ringen um Verständigung, das Moderieren von Begegnungen, Verhandeln mit staatlichen und kirchlichen Stellen waren seine besondere Stärke. Seine bescheidene, freundliche, ja im echten Sinn liebenswürdige Art öffneten ihm dabei viele Türen. Und zugleich sprühte er vor Energie und Überzeugungskraft, wenn er jungen Menschen in den Sommerlagern oder beim Jahrestreffen von Lothar Kreyssig oder von seinen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen erzählte und über die Versöhnungsbotschaft der Bibel predigte.

Frieder Magirius war als Leiter von ASZ immer auch erkennbarer und glaubwürdiger Pfarrer. Er hat einmal erzählt, wie er am 14. Februar 1945 in Dresden als 14-Jähriger im Keller eines zusammenbrechenden Hauses verschüttet wurde und da gebetet hat: Aus tiefer Not schrei ich zu dir … (EG 299 nach Psalm 130). Später studierte er Theologie in Berlin und Greifswald und wurde Pfarrer in der sächsischen Landeskirche. Nach der Zeit als Leiter von ASZ wurde er als Superintendent an die Leipziger Nikolaikirche berufen. Über viele Jahre begleitete er Woche für Woche die montäglichen Friedensgebete, lange bevor diese zu den großen Montagsgebeten und -demonstrationen wurden. Die Friedensbotschaft Jesu war ihm Anstoß und Leitlinie für seine Verkündigung und sein Handeln. Dass in den Sommerlagern jeden Mittag die Seligpreisungen gesungen wurden, war für Frieder ganz selbstverständlich und so brachte er sie uns jungen Teilnehmenden auch nahe.

Auch in seiner Leipziger Zeit und nach seiner Pensionierung blieb er Aktion Sühnezeichen mit ihren Weggefährten und Partnern verbunden. In Vorträgen, bei Empfängen und vielen Begegnungen mit Menschen jeden Alters warb er immer wieder dafür, sich für Versöhnung und Frieden einzusetzen. Es gibt noch so viel zu tun, war er überzeugt. Unsere Vorstandsvorsitzende Ilse Junkermann nannte Frieder Magirius „einen aufrichtigen und bescheidenen, tatkräftigen und freundlichen Brückenbauer, einen glaubwürdigen Zeugen für Mitmenschlichkeit und Friedlichkeit, für gelebte Versöhnung.“ Ja, das war er und das tat er.

Mit großer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von Frieder Magirius. Möge Gott ihn in seine Arme schließen und den Frieden schenken, den er geglaubt und erwartet und für den er zeitlebens gearbeitet hat.

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt 5,9)

Joachim Rasch ist Pfarrer in Bischofswerda und Mitglied des ASF-Vorstandes

Friedrich Magirius. Eindrücke aus verschiedenen Zeiten

Friedrich Magirius mit dem Ehepaar Lauscher bei einem Zeitzeugengespräch auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Bild: ASF
Friedrich Magirius, Bild: ASF
Friedrich Magirius und Adolf Petr bei Sanierungsarbeiten am Begegnungshaus in Travná, Tschechoslowakei. Bild: ASF
Friedrich Magirius in Bad Elster 1980, Bild: ASF
Friedrich Magirius bei einem Ehemaligentreffen in Leipzig 2006, Bild: ASF