Der 7. Oktober als offene Wunde – Begegnungen mit Israels kollektiver Erinnerung

In den vergangenen vier Monaten haben wir gemerkt, wie präsent der 7. Oktober in der israelischen Gesellschaft ist. Darum war es uns ein Anliegen, uns im Rahmen unseres Zwischenseminars intensiver damit zu beschäftigen und auch die betroffenen Orte zu besuchen.

Gestartet haben wir unsere Tour in Nir Oz. Dieses Kibbutz war am stärksten von der Attacke betroffen: Ein Viertel der Bewohner wurde ermordet oder entführt, ein knappes Drittel aller Geiseln kam hierher. Die Sprecherin der Geiseln mit deutscher Staatsbürgerschaft, Efrat Machikawa, hat uns eingeladen und durch ihren Heimatort geführt – einen schwer zu fassenden Ort:

Unser erster Eindruck von Nir Oz war, dass es beinah paradiesisch ist. Wunderbares Wetter, eine grüne Oase direkt an der Negev-Wüste, keine Autostraßen, viele Räume für Gemeinschaft und Begegnung – der wahrscheinlich größtmögliche Kontrast zu der maximalen Zerstörung, die von den Terroristen und ihren Unterstützern angerichtet wurde.

Die Häuser, die noch stehen, waren für uns die sichtbarsten Zeugen der Brutalität des Massakers. Auf der einen Seite komplett demolierte und ausgebrannte Häuser. Auf der anderen Seite solche, die wirken, als wäre die Zeit eingefroren und vom einen auf den anderen Moment die Menschen aus der Szenerie herausgerissen wurden: herumliegende Spielsachen, eine offene Whiskey-Flasche, ein angebrochener Knoblauch und eine halb ausgeräumte Spülmaschine. Man weiß gar nicht, was schlimmer ist.

Gelbe und schwarze Flaggen zeigen an, ob Bewohner entführt oder ermordet wurden. Jedes dieser Häuser hat eine Geschichte, von der uns Efrat Machikawa auch viele erzählt hat. Einige sind in ihrer besonderen Tragik stark einprägsam, wie die Familie Bibas oder Oded Lifshitz. Er hat in seiner Freizeit kranke Gazaner von der Grenze abgeholt und in israelische Krankenhäuser gefahren. Den Terroristen war sein Engagement für Frieden und Zusammenleben bekannt. Gerettet hat ihn das nicht. Als Andenken an Oded hat seine Familie einen gelben Kaktus-Pin entworfen, um an ihn und seine Leidenschaft für Kakteen zu erinnern.

Die persönlichen Geschichten, die wir von Efrat Machikawa gehört haben, zählen sicherlich zu den bewegendsten Eindrücken des Tages. Auch ein großer Teil ihrer Familie wurde entweder entführt oder getötet. Ihr Onkel Gadi Moses ist die älteste überlebende Geisel, mit 80 Jahren kam er nach 482 Tagen aus Gaza frei. Bei unserem Besuch hatten wir die Ehre, ihn kurz während seines Mittagessens zu treffen. Seine unglaubliche Resilienz kann man daran erkennen, dass er sich selbst nach fast eineinhalb Jahren Geiselhaft sofort wieder für den Aufbau seines Heimatortes einsetzt.

Dieses Engagement ist allerdings nicht unumstritten. Wir haben in Nir Oz ein Dilemma wahrgenommen: Einerseits ist der Kibbutz unzweifelhaft ein historischer Schauplatz geworden. Wie wir selbst gemerkt haben, wirkt der Ort in seinem Originalzustand am eindrucksvollsten und kann nachfolgenden Generationen die Brutalität dieses Tages auf einzigartige Weise vermitteln. Andererseits wollen Teile der ehemaligen Kibbutz-Mitglieder in ihre Heimat zurückkehren und dabei „nicht in einem Auschwitz“ leben, also nicht umgeben von potentiell triggernden Anblicken. Die verbrannten Häuser sollen deshalb abgerissen werden. Wie das Gedenken an den 7. Oktober in Nir Oz fortan aussehen wird, bleibt offen.

Nach dieser beeindruckenden Station fuhren wir weiter auf das Nova-Festival-Gelände. Der Ort, an dem die meisten Menschen starben und der international große Bekanntheit erlangte, hat auf uns gewirkt wie ein großer Friedhof. Das Gedenken ist hier sehr personenbezogen: Von jedem Todesopfer kann man sich die Geschichte durchlesen. Die letzten Hilferufe auf WhatsApp geben ein Gefühl von der Todesangst dieser Menschen. Der Fokus liegt beim Nova-Gelände allerdings auf dem Leben. Die roten Anemonen als Symbol genau dafür stellen dar, was uns in Worten kaum fassbar erscheint.

Unsere nächste Station war der sogenannte Autofriedhof, wo ausgebrannte und zerstörte Fahrzeuge ausgestellt sind. Entstanden aus der Not heraus, weil ein Platz für die circa 1560 Wracks benötigt wurde, entwickelte sich der Autofriedhof zu einer organisierten und kuratierten Erinnerungsstätte. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich in Israel gerade eine strukturierte Erinnerungskultur zum 7. Oktober bildet.

Diese Entwicklung lässt sich auch an der Polizeistation in Sderot beobachten, unserer letzten Station des Tages. Hier verschanzten sich Hamas-Terroristen, bei den stundenlangen Kämpfen um das Gebäude wurde dieses zerstört und es kamen mehrere Polizisten ums Leben. Inzwischen befindet sich auf dem Platz der einstigen Polizeistation eine Gedenkstätte, die an die einzelnen Todesopfer und Heldentaten der Sicherheitskräfte erinnert. Auch wenn – oder gerade weil – diese Ausstellung an uns aus Deutschland bekannte Formen der Erinnerungskultur erinnert, hinterließ sie nicht einen so großen Eindruck wie die immer noch etwas improvisiert wirkenden anderen Stätten, wo man den Schock noch präsenter spürte.

Insgesamt hat uns die Tour geholfen, das kollektive Trauma des 7. Oktober und damit die israelische Gesellschaft näher zu verstehen.
Mehr Fotos gibt es auf unserem Instagram-Kanal

Daniel Grützmacher, Merlin Waller
ASF – Jahrgang 2025/26

Eindrücke

Der Gazastreifen liegt in Sichtweite.
Kleine gelbe Kaktus-Pins setzen ein Zeichen für das Leben und Engagement von Oded Lifshitz für Dialog und Frieden.
Erinnern an den getöteten Friedensaktivisten Oded Lifshitz
Der Kaktusgarten von Oded Lifshitz