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„Das Wort Entmenschlichung geht mir nicht mehr aus dem Kopf.“
„In Birkenau liegen vor dem Eingang zum Lager diese Schienen. Mit meinen Augen bin ich dem Verlauf der Schienen gefolgt. Und in Gedanken war ich bei den Menschen, die hierhergebracht wurden und an der Rampe auf die Selektion warten mussten. Wie sie sich gefühlt haben? Unvorstellbar, diese Ungewissheit, nicht zu wissen, was als Nächstes passiert, nicht zu wissen, was mit deiner Familie geschehen wird.“ So beschreibt die Stadtteilmutter Mevlide Lahu ihre Gedanken beim Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
Stadtteilmütter auf Gedenkstättenfahrt
Im Juli 2026 besuchten Berliner Stadtteilmütter im Rahmen einer Studienfahrt von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) und der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz (IJBS) das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Fahrt wurde gemeinsam mit dem Diakoniewerk Simeon organisiert. Die Teilnehmerinnen sind Berlinerinnen mit vielfältigen Migrationsgeschichten. Als Stadtteilmütter begleiten und unterstützen sie Familien in migrantischen Communities.
Der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz war seit Längerem ein Wunsch der Stadtteilmütter. In verschiedenen Seminaren von ASF hatten sie sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt und dabei entstand die Idee der Stadtteilmütter, die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen mit einer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz zu vertiefen. Eine Teilnehmerin, die seit 2006 die Zusammenarbeit der Stadtteilmütter mit ASF mitgestaltet, erinnert sich: Vor fast zwanzig Jahren hatte sie in der IJBS den Auschwitz-Überlebenden Wilhelm Brasse für ein Zeitzeugengespräch getroffen. Brasse musste im Lager als Fotograf arbeiten und von den ankommenden Häftlingen erkennungsdienstliche Fotografien anfertigen. 2012 ist Wilhelm Brasse verstorben. An die Begegnung mit ihm erinnern sich die Stadtteilmütter bis heute.
Intensive Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus
Im Mittelpunkt der Gedenkstättenfahrt standen die Geschichte des Nationalsozialismus, der Holocaust und der Völkermord an den Sinti* und Roma* Europas. Mehrstündige Studienführungen in das ehemalige Stammlager Auschwitz I sowie in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau bildeten den Kern des Programms.
Die Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen und das Ausmaß der Unmenschlichkeit bewegten die Gruppe zutiefst. Die Stadtteilmutter Çimen Uzunoğlu beschreibt: „Ein Wort geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Entmenschlichung. Mich hat erschüttert, zu erfahren, wie die Menschen im Leben ausgebeutet und sogar im Tod entwürdigt wurden. Dann haben die Täter versucht, die Beweise ihrer Verbrechen, jegliche Erinnerung an die Opfer zu vernichten.“ Auch Nursen Özen bezeichnet das Geschehen als „Drama der Unmenschlichkeit“ und fragt: „Wie kann ein Mensch einem anderen Menschen so etwas antun?“
Für die Stadtteilmutter Sevgi İlbeyi wurde die Geschichte der Verfolgung in den Ausstellungen im ehemaligen Stammlager besonders greifbar, in den Zeichnungen der Überlebenden, den Fotografien des Erkennungsdienstes, den Gegenständen, die den Häftlingen bei der Ankunft abgenommen wurden. „Was ich dort gesehen und gehört habe, hat mich zutiefst erschüttert. Die Gegenstände, die Fotografien mahnen uns heute mit lauter Stimme, diese Wahrheit niemals zu vergessen und Frieden, Menschenwürde, Toleranz und gegenseitigen Respekt zu bewahren. Als ich die Gedenkstätte verließ, waren mein Herz voller Trauer und meine Augen voller Tränen, und ich trug ein tiefes Gebet für die Menschlichkeit in mir.“
Zum Programm der Studienfahrt gehörten auch ein Rundgang zur Geschichte der Stadt Oświęcim und Besuche im Jüdischen Zentrum und im Zentrum für Geschichte und Kultur der Roma. Dort erfuhr die Gruppe mehr über die lokale polnische Geschichte. In der IJBS vertieften Workshops die historischen Zusammenhänge. Die vertiefte Beschäftigung mit Selbstzeugnissen von Frauen, die in Auschwitz inhaftiert waren, ermöglichten den Teilnehmerinnen über einzelne Lebensgeschichten eine persönliche Annäherung an die Geschichte.
Was bedeutet die Geschichte für unsere Gegenwart?
In den Seminargesprächen wurde deutlich, dass Auschwitz immer wieder aufs Neue Fragen zu Perspektiven auf unsere gegenwärtige Gesellschaft und unser Zusammenleben heute aufwirft. Der Austausch mit den Stadtteilmüttern drehte sich um den zunehmenden Rechtsruck in Deutschland. Sie berichteten von eigenen Diskriminierungserfahrungen, und Sorgen z.B. angesichts aktueller Debatten über „Remigration“. Damit wird die Frage nach dem Erinnern zu einer Frage der Gegenwart: Was bedeutet es, sich angesichts heutiger Ausgrenzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen?
Die Stadtteilmutter Diana Janbeih beschreibt die Fortwirkung von Vorstellungen, die Menschen in ein „Wir“ und „die Anderen“ teilen: „Der Nationalsozialismus wirkt auf mich wie ein Gift. Manche Vorstellungen wirken bis heute. In Deutschland und auch in anderen Ländern sehen wir, wie diese genutzt werden, um auch heute Minderheiten abzuwerten.“ Janbeih macht deutlich, dass Erinnerung nicht allein aus Wissen über historische Ereignisse besteht, sondern auch, den Blick auf die Kontinuitäten, Folgen und Brüche in der Gegenwart richtet. In unserer vielfältigen Gesellschaft bedeutet Erinnern, verschiedene Erfahrungen und Perspektiven ernst zu nehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
