• ASF-Weggefährt*innen

„Das ist mein großes Glück, dass ich diese Frau kennengelernt habe“

Wir trauern um Heidburg Behling (21. November 1939 – 30. April 2026)

Three people arm-in-arm by flowering shrubs: man in dark coat and cap flanked by one in beige jacket and one in tan scarf.
Heidburg Behling mit der ASF-Freiwilligen Zoia und dem Überlebenden des KZ Neuengamme, Anton Rudnev

„Das ist mein großes Glück, dass ich diese Frau kennengelernt habe.“ Das schreibt Ganna aus der Ukraine im Rückblick auf ihren Freiwilligendienst 2009–2010 an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Mit großer Trauer und erfüllt von tiefer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von Heidburg Behling.

Über Jahrzehnte hinweg hat Heidburg die ASF-Freiwilligen an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit großem Herz und Einfühlungsvermögen, mit Interesse an ihren Perspektiven und Kompetenzen sowie mit eindrücklicher Fürsorge begleitet. Viele der ASF-Freiwilligen beschreiben die Begegnung mit Heidburg als großes Glück.

Die ASF-Freiwilligen, die meist aus anderen Ländern nach Deutschland kamen, lagen ihr am Herzen. Mehrere Dutzend Freiwillige hat sie in den Jahrzehnten als Mentorin begleitet. „Sie ist eine unvorstellbar nette Person. So eine Person habe ich noch nie in meinem Leben getroffen“, sagt Vladimir aus Russland, der Freiwilliger 2013–2014 war. Jahrelang kam sie wöchentlich mit Kuchen an die Gedenkstätte, um zu hören, wie es den Freiwilligen geht. Wer Probleme hatte, fand bei ihr Unterstützung. Sie holte die neuen Freiwilligen vom Bahnhof ab, sorgte dafür, dass die Wohnung in gutem Zustand war, begleitete sie zu Ämtern. Sie lud sie zum Essen oder in Konzerte ein und organisierte Ausflüge mit ihnen. Die schweren Themen des Alltages an einer Gedenkstätte thematisierte sie mit den Freiwilligen und umsorgte sie mit Kuchen oder Erdbeeren. Sie moderierte WG-Konflikte, stand bei mentalen Problemen oder Sorgen um den Aufenthaltstitel bereit und stellte unseren Freiwilligen ihr großes Netzwerk an Kontakten zur Verfügung. Diskutiert wurden individuelle Lebenspläne wie auch die großen historisch-politischen Fragen. Themen, bei denen sie klare Haltung für Verantwortlichkeit und Verständigung zeigte. „Ohne sie wäre mein Freiwilligendienst viel schwieriger gewesen“, fasst Antanina aus Belarus (2018–2019) zusammen. Zum Ende des Freiwilligenjahres half sie wenn nötig immer wieder mit Wohnraum oder gar Bürgschaft aus. Dass so viele ehemalige Freiwillige sich entschieden haben in Hamburg zu bleiben, hat sicher auch mit Heidburg zu tun. „Sie hat sich um uns gekümmert als wären wir ihre eigenen Kinder“, so beschreibt es Daria aus Russland, Freiwillige 2017–2018.

Heidburgs Begleitung erschöpfte sich nicht in dieser wunderbaren Fürsorge. Sie nahm die Freiwilligen auch in die erinnerungspolitischen Diskurse hinein und war gleichzeitig interessiert, deren Perspektive und Kompetenz kennenzulernen. Ehemalige und aktuelle Freiwillige vernetzte sie immer wieder und baute so über Generationen hinweg ein wunderbares gleichzeitig hamburgisches und doch sehr internationales Netz an Austausch und Begegnungen auf. In all den Jahren begleitete sie ASF-Freiwillige, die aus Aserbaidschan, Belarus, Bosnien, Deutschland, Großbritannien, Irland, Israel, Niederlande, Norwegen, Russland, Spanien, der Ukraine und den USA nach Hamburg kamen.

 

Über Jahrzehnte hielt und pflegte sie Kontakte zu ehemaligen Freiwilligen. Als sie 2017 am ASF-Jubiläum in Minsk teilnahm, klinkte sie sich an einer Stelle vom Programm aus, um die Familie einer ehemaligen Freiwilligen zu besuchen.

Als ASF-Mitglied war sie auch, so lange es ihr möglich war, eine treue Besucherin der Jahrestagungen und Mitgliederversammlungen.

Mit den Freiwilligen zusammen unterstützte Heidburg auch das von der „Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten“ getragene Begegnungscafé. Sie kannte die NS-Verfolgten und war auch hier eine wichtige Gesprächspartnerin für die Freiwilligen. Überhaupt waren die Freiwilligen von ihrer Vernetzung beeindruckt:

„Sie hat sehr viele Kontakte in den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Sie ist eine Institution für viele. Eine Person, die in der Lage zu arbeiten ist und gleichzeitig Freude zu bereiten. Ich lerne viel von ihr. Sie findet immer Zeit für unsere Probleme und Freuden als Freiwillige und Mensch, und wirkt für mich im ureigensten Sinn als Mentorin“. (Nataliia aus Russland, Freiwillige 2012–2013.).

Heidburg ist allen Freiwilligen mit gleicher Offenheit begegnet. Insbesondere der Austausch mit Menschen aus den Ländern Osteuropas lag ihr jedoch sehr am Herzen. Dass unsere Frreiwilligen muttersprachlich Kontakt zu früheren Inhaftierten des KZ-Neuengamme aufnehmen und dem Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte so persönliche Hilfe ermöglichen konnten war ihr ein Herzensanliegen.

Sie engagierte sich auch in vielen anderen Bereichen der Gedenkstättenarbeit, so in der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme, im Auschwitz-Komitee und in der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V. Zu sehr vielen der in Hamburg lebenden ehemaligen NS-Verfolgten hielt sie engen Kontakt. Über dieses Engagement hinaus setzte sich Heidburg Behling in zahlreichen weiteren zivilgesellschaftlichen Feldern aktiv für Gerechtigkeit und Frieden ein.

Für ihr außerordentliches Engagement erhielt sie 2015 die „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes“ des Hamburger Senats, 2019 den „Olof-Palme-Friedenspreis“ des SPD-Kreises Stormarn und 2024 die Auszeichnung „Verantwortung damals und heute – In Memoriam Esther Bejarano“ der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte.

„Ich werde nie an Hamburg denken können, ohne an sie zu denken“, schreibt Casey aus den USA, Freiwillige 2023–2024. In ihrer Klarheit, Verantwortung zu übernehmen, gegen Unrecht zu widersprechen und sich für Verständigung nachhaltig zu engagieren hat Heidburg so viele ASF-Freiwillige in Hamburg inspiriert und die Biographien vieler ASF-Freiwilliger entscheidend mitgeprägt. „Ich bin Heidburg dankbar, sie ist ein lebender Beweis für das Gute im Menschen“ Tamer, Freiwilliger aus Jerusalem (2018–2019).

Anne Katrin Scheffbuch ist Koordinatorin des Internationalen ASF-Freiwilligenprogramms in Deutschland.