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„Anna Szałaśna freut sich immer über Besuche von Freiwilligen“
Jedes Jahr kommen im September neue ASF-Freiwillige nach Polen, sie kommen für ein besonderes Freiwilligenprogramm zusammen, das deutsche und ukrainische Freiwillige gemeinsam entsendet. Während des ersten Seminars in Krakau ist eine ihrer häufigsten Fragen, ob es möglich sein wird, Überlebende vom Zweiten Weltkrieg zu besuchen.
Die Antwort wird mit jedem Jahr schwieriger. Es gibt immer weniger Zeitzeugen, und die noch Lebenden können wegen ihres Gesundheitszustandes immer seltener Besuch empfangen. Hinzu kommt manchmal die Angst vor Kontakt mit neuen Personen und einer Fremdsprache. Für Freiwillige sind die ersten Monate ihres Einsatzes oft eine Zeit des Wartens und Hoffens, dass sie es doch schaffen, diese Menschen zu treffen und ihre Geschichten zu erfahren.
In einem Fall, bei einem Projekt von der Stiftung für Polnisch-Deutsche Aussöhnung in Warschau, konnte jedoch über viele Jahre hinweg dazu folgende Antwort gegeben werden: Frau Anna Szałaśna freut sich immer über Besuche von Freiwilligen. Egal, woher sie kommen, ob aus Deutschland oder der Ukraine. Solange es ihre Gesundheit zulässt.
Frau Anna Szałaśna, Pani Anna, traf sich immer gern mit jungen Menschen und teilte mit ihnen ihre bewegende Lebensgeschichte.
Sie wurde am 31. Oktober 1926 in Ostpolen, der heutigen Ukraine, geboren. In Lemberg (Lviv) begann sie ihre allgemeine und musikalische Ausbildung und setzte sie nach dem Umzug ihrer Familie in Posen (Poznań) fort. Später zog die Familie nach Thorn (Toruń).
Zu Beginn des Krieges, infolge des Beschusses des Zuges, mit dem Anna nach Warschau reiste, wurde sie schwer verwundet. Ein Bein musste ihr amputiert werden. 1943 wurde sie von der Gestapo wegen eines Briefes, den sie an ihren Bruder im Lager geschickt hatte, verhaftet. Sie wurde inhaftiert und nach brutalen Verhören nach Auschwitz-Birkenau deportiert. 1944 wurde sie nach Ravensbrück verlegt. Im April 1945 konnte sie im Rahmen einer Rotkreuz-Operation aus dem KZ nach Schweden gerettet werden. Dort erhielt sie medizinische Versorgung und überlebte bis Kriegsende.
Im Sommer 1946 kehrte Anna Szałaśna nach Polen zurück und ließ sich in Stettin nieder. Später zog sie nach Posen, wo sie Musikwissenschaft studierte. 1959 ließ sie sich endgültig in Warschau nieder und begann am Kunstinstitut der Polnischen Akademie der Wissenschaften zu arbeiten.
Frau Anna Szałaśnia starb fast hundertjährig am 18. Februar 2026 in Warschau.
Sie war eine herausragende Musikwissenschaftlerin und gleichzeitig eine offene und herzliche Person. Sie wird den Freiwilligen und den Mitarbeitenden von ASF und IJBS, die sie treffen durften, in dankbarer Erinnerung bleiben.
Am 28. Februar 2026 fand die Trauerfeier von Frau Szałaśna statt. Eine der Anwesenden war Anastasia Moor, eine ehemalige Freiwillige in der IJBS Auschwitz, die sich mit folgenden Worten sich von Frau Szałaśna verabschiedete:
Pani Anna,
es fällt mir schwer zu glauben, dass du nicht mehr unter uns bist. Und doch bist du in so vielen Erinnerungen lebendig.
Ich durfte dich während meines Freiwilligendienstes 2019–2020 kennenlernen. Du hast uns zweimal in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim für jeweils eine Woche besucht, und diese Begegnungen sind mir bis heute tief im Herzen geblieben. Später durfte ich dich auch in deinem Zuhause in Warschau besuchen. Eine Zeit, die mir sehr viel bedeutet hat.
Mit dir hat mich die Musik verbunden, ich mit meinem Cello, du mit deiner Forschung über Musik. Aber noch mehr als die Musik waren es unsere Gespräche. Wir haben gemeinsam über das Leben nachgedacht, philosophiert, Geschichten geteilt und viel miteinander gelacht. Deine Offenheit, deine Neugier und deine Art, Menschen wirklich zu sehen, haben mich sehr geprägt.
Viele unserer Gespräche wirken bis heute in mir nach. Sie haben mich auf den Weg geführt, den ich heute gehe: mich für Frieden einzusetzen und daran zu glauben, dass es im Kern immer um den Menschen geht, nicht darum, woher jemand kommt oder welche Nationalität er hat, sondern darum, das Gute im Menschen zu sehen.
Du hast so viele Geschichten getragen und weitergegeben. Ich verspreche dir: Ich werde mich dafür einsetzen, dass diese Geschichten nicht verstummen.
Pa kochana, pa, das waren immer deine letzten Worte am Telefon.
Urszula Sieńczak,
ASF-Landesbeauftragte in Polen