Ein Koffer voller Fragen (M. O.)

Ich bin M. O., geboren 1979 in Marrakesch, Marokko. Ich bin eine muslimische Frau. Ich bin mit vier Schwestern groß geworden. 2007 kam ich nach Deutschland. Das war für mich das erste Mal im Leben, dass ich soweit von meiner Heimat entfernt war: Allein in einem Land, indem ich die Sprache nicht verstand.

Am Anfang war es sehr schwer. Ohne die Hilfe meines Mannes konnte ich noch nicht einmal alleine nach draußen auf die Straße gehen. Ich bin immer eine selbstständige Frau gewesen. Auf einmal war alles anders. Ich hatte keine Ahnung, wie diese Erfahrung mich verändern würde. Ich hätte niemals gedacht, dass ich Depressionen bekomme.

Ich bin von einem großen Haus in eine kleine Anderthalb-Zimmer-Wohnung gezogen. Es gab feste Ruhezeiten, die wir einhalten mussten. Zum Beispiel durfte ich nur zwischen 8 und 18 Uhr die Dusche oder die Waschmaschine nutzen. So etwas kannte ich vorher gar nicht. Und vor allem – und das war das Schlimmste – durfte ich auch keinen Besuch mehr empfangen.

Es war alles so anders in Deutschland. Ich musste es akzeptieren. Die Regeln und Gesetze in Deutschland sind andere. Ich habe versucht mich damit zurechtzufinden. Das war ok. Aber andere Erfahrungen konnte ich nicht so leicht akzeptieren.

Immer wenn ich einkaufen gehen wollte, hatte ich das Gefühl, als würde mich jemand beobachten. Es war ein merkwürdiges, ganz seltsames Gefühl für mich. Vielleicht war es meine Hautfarbe oder allgemein mein Aussehen, dass die Blicke auf mich zog? Oder war es doch die Sprache? Ich kann es nicht sagen. Aber ich erinnere mich an dieses schwere Gefühl aus dieser Zeit.

Deutschland, das ist heute eine Demokratie, aber da waren auch die Menschenhasser. Die haben zu mir gesagt: „Geh zurück dahin, wo du herkommst!“
Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Warum sind die Menschen hier so? Was denken sie? Was hat es mit den Nazis und Hitler-Deutschland auf sich? Wieso haben sie einen Unterschied gemacht zwischen den Menschen? Sind wir nicht alle gleich? Warum gibt es dann bis heute noch soviel Hass in der Gesellschaft? Wie kann man diese Demokratie verstehen?

Viele Fragen habe ich wie in einem Koffer mit mir herumgetragen.
Ich habe an dem Seminar von ASF teilgenommen, weil ich gehofft habe, Antworten auf meine Fragen zu finden. Doch auch jetzt, nach dem Seminar, bleibt immer noch dieses „Warum?“

Ich habe im Seminar verschiedene Orte der Verbrechen der Nazis besucht, Orte an denen Zwangsarbeiterlager und Tötungsstätten waren. Ich werde diese Orte nie vergessen und auch nicht, wie ich mich dort gefühlt habe.

Besonders bewegt hat mich unser Besuch in der Euthanasie-Gedenkstätte in Brandenburg. Wir wurden von Guides durch die Gedenkstätte begleitet, die selbst ein Handicap haben. Sie haben uns erzählt, was hier passiert ist. Frauen wurden sterilisiert, Experimente an Kindern durchgeführt, Tausende wurden ermordet. Es war schrecklich.

In der Ausstellung zeigten sie uns einen Brief von Adolf Hitler vom 1. September 1939. Ein Stück Papier, das das Leben von so vielen Menschen zerstört und verändert hat. In dem „Euthanasie-Befehl“ Hitlers heißt es – Zitat: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

Hat jemand sich dagegen gestellt? Im Gegenteil: Viele waren bereit mitzutun. Bedeutet dies, dass es kein Befehl war, sondern dass die Ärzte und Pfleger freiwillig mitgemacht haben?

So viele Juden, Sinti, Roma, kranke Menschen, Familien, Kinder, Menschen aus den verschiedensten Ländern sind ermordet worden – an Vernichtungsstätten wie dieser und in Konzentrationslagern.

Man hat die Menschen gezwungen alles stehen und liegen zu lassen, sie gesammelt und dann wie Tiere in Viehwaggons in die Lager deportiert. Sie wurden wie Sklaven gehalten, mussten Zwangsarbeit leisten, wurden Opfer von medizinischen Experimenten und bekamen Essen, das zum Verzehr nicht geeignet war.

Oh mein Gott! Wo ist nur die Menschlichkeit? Was ist das für eine Schuld, die die Menschen auf sich geladen haben?

Was ist das für ein unbeschreibliches Gefühl, an so einem Ort ans Sterben zu denken, an die Schreie und das Weinen der Kinder. Und ich denke auch an meine Kinder. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass meine Kinder ohne mich aufwachsen müssten.

Ich denke an all die kranken Menschen, die jungen und alten Menschen, Frauen und Männer, die hier getötet wurden. Sie wussten, was sie erwartet. Mit dem Bus wurden sie abgeholt. Nach der Ankunft sollten sie sich entkleiden und der Arzt entschied, wer lebt und wer stirbt. Gleich nebenan wurden sie in der ehemaligen Anstaltsscheune in der Gaskammer ermordet und dann verbrannt. An denjenigen, die nicht sofort getötet wurden, machten sie medizinische Experimente. Ich stand dort an dem Ort, wo die Anstaltsscheune früher gestanden hat. Der Platz war ganz schwarz. Mir lief es kalt den Rücken herunter und ich konnte es kaum aushalten.

Nachdem der Krieg dann zu Ende war, ging das Leben der Ärzte und Pfleger, die hier gemordet hatten, einfach so weiter. Eine Strafe haben die meisten nie bekommen. Ihre Verbrechen wurden einfach ignoriert. Das ist einfach ungerecht. Und wie soll so ein neues Land, eine Demokratie entstehen?

Ich danke meinem Gott dafür, dass wir heute besser leben können in der heutigen Zeit.

Danke lieber Gott.

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