Alta sollte eigentlich ganz anders aussehen als jetzt. Es ist gut, dass man das immer noch spürt.
Hier geht es mit großen Schritten auf die kälteste Zeit des Jahres zu, Februar, dafür wird es aber auch wieder heller und die Sonne wird am 17. Januar zurückkommen. Im Kindergarten basteln wir schon fleißig Sonnenkronen, lesen Sonnen-Bilderbücher und machen Sonnen-Deko für die Fenster. Vielleicht hört sich das ein bisschen nach overkill an, aber obwohl die Dunkelzeit schön war, freuen sich meine Kolleginnen, die Kinder und ich sehr auf die Sonne.
Die Dunkelheit hat mich nicht besonders belastet. Mein Körper hat sich innerhalb von ein paar Wochen an diese Veränderung angepasst. Aber es ist trotzdem nicht immer leicht für mich gewesen, hier zu leben. Der Unterschied zu Deutschland ist natürlich groß. Ich habe keine spontane Möglichkeit, Alta zu verlassen, da die Entfernungen zu anderen Städten und Dörfern so groß sind. Die Weite des Fjords und der glatten, Schneebedeckten Berge können da trotz ihrer Größe einengend wirken.
Aber das, was mir vielleicht am meisten fehlt, ist ein Gefühl von „Alter“ im Stadtbild. Alle Häuser sind relativ neu und alle scheinen eine ähnliche Architektur zu haben. Sie bewegen sich sogar im gleichen Farbschema: Rot, gedecktes grün, weiß, creme oder pastellgelb sowie verschiedene Grautöne.
Nächte Woche habe ich ein Online-Semiar mit ASF und beschäftige mich dazu etwas mit der Nachkriegszeit der Finnmark und natürlich auch dem Wiederaufbau der Städte und Dörfer hier. Durch die Aktion „verbrannte Erde“ hat diese Region unglaublich viel verloren. Nicht nur alle Häuser, auch Stromleitungen wurden gekappt, Fabriken und Fischereien wurden zerstört. Ganze Dörfer sind vollständig verschwunden, weil sie nicht wieder aufgebaut werden konnten.
Beim Wiederaufbau hatte man andere Prioritäten, als sich an der historischen Bauweise zu orientieren. Deshalb sind alle Häuser so modern. Allerdings kann man den Wiederaufbau auch als „Schockmodernisierung“ bezeichnen. Vor allem Häuser aus den Fünfzigern und Sechzigern, die nicht renoviert wurden, verfallen heute langsam. Alta sollte eigentlich ganz anders aussehen als jetzt. Es ist gut, dass man das fühlen kann.
In Alta gibt es nur ein einziges Gebäude, das nicht zerstört wurde. Und es ist mit Abstand mein Lieblingsort: Alta kirke. Sie wurde 1858 erbaut, inspiriert am englischen Neogotischem Stil. Besonders im Winter ist es dort wunderschön.
Am Ende bringt die Stille des Winters und die Ruhe Altas mich auch dazu, mich zwingend mit mir selbst zu konfrontieren. Und auch, wenn das manchmal ungemütlich sein kann, ist es trotzdem ein besonderes Gefühl. Es ist schön, hier zu leben. Dinge werden wichtig, die es davor nie waren und andere Dinge unwichtig, die es vielleicht schon immer waren, das davor aber nie aufgefallen ist.
Noch einen schönen Januar und liebe Grüße!
Eure Lotta