Abschied von Gabriel Daus
Gabi wohnte in der Nachbarschaft des ASF-Landesbüros in Jerusalem. Ich begegnete ihm zum ersten Mal im Jahr 2004 bei der Eröffnung des neu erbauten Gästehauses Beit Ben Yehuda. Er beriet uns bei diesem Neubau und bei der Verankerung des Gästehauses in der Stadt. Sein ökonomisches Wissen und seine hervorragende Vernetzung in der politischen und zivilgesellschaftlichen Landschaft in Israel waren von unermesslichem Wert für ASF. Sowohl im ehrenamtlichen Direktorium des Beit Ben Yehuda, als auch im Verein des ASF-Freundeskreises war er vertreten.
Er machte selten große Worte, stellte sich nie in den Vordergrund, sondern gab im passenden Moment eine knappe Einschätzung von sich, die uns immer weiterhalf und von großem Wissen und Erfahrung zeugten. Er konnte seine Meinungen vehement vertreten, sich auch ärgern. Zugleich wägte er Gegenargumente ab und war nie nachtragend. Er konnte verschmitzt und lustig sein, war sehr treu und verbunden. Er war eine Seele von Mensch. Oft habe ich zum Telefonhörer gegriffen und ihn um eine Einschätzung gebeten. Er war entweder in Präsenz oder telefonisch erreichbar, die Welt des Internets erschloss sich ihm nicht.
Gabriel Daus wurde 1938 in Jerusalem geboren, zehn Jahre bevor der Staat gegründet wurde. Seine Eltern kamen aus Deutschland und konnten schon 1933 nach Israel einwandern. Auf seiner Beerdigung auf dem Friedhof des Kibbutz Ramat Rachel nahe Jerusalem erzählte seine Tochter Ofra, dass er bis zu seinem fünften Lebensjahr ausschließlich Deutsch sprach – eine Anekdote, die viel über die kulturelle Prägung seines Elternhauses verrät. Entsprechend gut war er zeitlebens in der Szene der Jeckes – der aus Deutschland zugewanderten Jüdinnen*Juden – in Israel verankert.
Viele Jahre arbeite Gabriel Daus als Schatzmeister der Meretz-Partei, einer linken menschenrechtsorientierten Partei, die Anfang der 1990er-Jahre fast zehn Prozent der Stimmen erhielt, später jedoch zunehmend an Bedeutung verlor und seit 2022 nicht mehr in der Knesset vertreten ist.
Darüber hinaus engagierte er sich im Irgun Joze Merkas Europa (Association of Israelis of Central European Origin), eine traditionsreiche Organisation der Jeckes, die seit den 1930er-Jahren liberale, aus Mitteleuropa eingewanderte Jüdinnen*Juden sowie deren Nachkommen vertritt.
Seine politischen Anliegen brachte er immer wieder in die Arbeit von ASF ein, er unterstützte insbesondere die Einsätze von Freiwilligen in Projekten, die sich für jüdisch-arabische Koexistenz und gesellschaftlichen Dialog einsetzten.
Gabi war ein Familienmensch. Seine Frau kannte ich nur telefonisch. Sie begrüßte mich immer herzlich mit „Hello my dear“. Über den jährlichen Dresdener Stollen, den wir ihnen schickten, freuten sich beide – selbst wenn er erst Monate später im Frühsommer aus dem Zoll kam.
Er hatte gesundheitlich schwierige Phasen. In den letzten zehn Jahren habe ich ihn gelegentlich gebrechlich und niedergeschlagen erlebt. Aber dann hat er immer wieder die Kurve gekriegt und blühte auch in seinem Engagement und in seiner Verbundenheit wieder auf. Wenige Tage vor seinem Tod stürzte Gabi, ein Unfall, von dem er sich nicht wieder erholte. Er ist zu früh gestorben. Wir trauern um einen lieben Freund. Bei seiner Beerdigung waren 300 Menschen anwesend. Welch ein angemessener Abschied für einen bescheidenen, liebevollen und unendlich wertvollen Menschen. Wir werden Gabi sehr vermissen.
Jutta Weduwen
ASF-Geschäftsführerin