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Auf den Spuren unserer Familiengeschichte
Manche Geschichten verschwinden nie ganz. Sie schlummern in einigen wenigen Fotos und Archiven und warten manchmal Jahrzehnte lang darauf, entdeckt zu werden. So blieb auch die Geschichte meines Großvaters lange verborgen. Mein Vater und ich haben erst vor kurzem begonnen, uns dafür zu interessieren. Anhand der Familienarchive, die wir ausgegraben haben, konnten wir seinen Weg von Spanien, seiner Heimat, nach Deutschland rekonstruieren. Fast zehn Jahre Krieg in der Blüte seines Lebens, vom 21. bis zum 30. Lebensjahr.
Bereits 1936 wurde sein Leben durch den Spanischen Bürgerkrieg auf den Kopf gestellt, in dem er gegen das Franco-Regime kämpfte, bevor er am 7. Februar 1939 ins Exil nach Frankreich vertrieben und dort in das Lager von Argelès-sur-Mer geschickt wurde. Er entkam einem Krieg, nur um in einen anderen zu geraten. Denn kaum mehr als ein Jahr später wurde Frankreich von den Nazis angegriffen, ein Teil besetzt, ein Teil stand unter dem Kollaborationsregime von Vichy. Nun wurde er zur Zwangsarbeit für die Organisation Todt gezwungen. Dennoch setzte er den Kampf gegen den Faschismus fort. 1942 schloss er sich der Résistance an. Er wurde verraten und am 20. März 1944 von der Gestapo verhaftet und am 21. Mai 1944 nach Deutschland deportiert. Zunächst wurde er ins KZ Neuengamme gebracht, dann in Nebenlager nach Fallersleben-Laagberg und Wöbbelin. Ein Leben voller Engagement, Kampf und Überleben, von dem wir lange kaum etwas wussten. Doch im Jahr meines Freiwilligendienstes mit ASF, das ich in der Gedenkstätte Augustaschacht bei Osnabrück verbrachte, sollten wir den Weg unseres (Groß)vaters Anfang Mai 2026 selbst noch einmal gehen. Mein Vater begleitete mich bei diesem symbolischen Ziel: In die Fußstapfen seines Vaters zu treten und die letzten Orte seiner Deportation aufzusuchen.
Im Horror der Lager
Beim jährlichen Gedenken zur Befreiung des KZ Neuengamme war mein Vater fassungslos, als er die Überreste des Lagers erfasste, in das sein Vater am 24. Mai 1944 mit dem Zug angekommen war. Es war damals nur ein viertägiger Aufenthalt – doch lange genug, um eine Nummer zu erhalten: 32.104. Er verlor seine Freiheit und seine Identität. Mit kahl rasiertem Kopf und in gestreifter Uniform wurde er zu einem von vielen Gefangenen.
Während wir durch die noch erhaltenen Ziegelgebäude und die rekonstruierten Baracken schlenderten, wurde uns das ganze Ausmaß des Lagersystems bewusst. Bei einer Führung wurden Berichte ehemaliger Häftlinge über die Gewalt und Demütigungen vorgelesen, die die Menschen hier erdulden mussten. „Wenn man dort ist, ist das etwas ganz anderes“, sagt mein Vater zu mir – Stück für Stück wurde uns die Realität dieses Ortes bewusst.
In der Gedenkveranstaltung klang dieses Gefühl noch nach. Unter den aufgehängten Flaggen der Verfolgtenverbände fiel uns die der Spanischen Republik auf. Inmitten der Reden und bunten Kränze stellen wir uns immer noch den Schmerz vor. Wir werden ihn nie vollständig begreifen können, doch unsere Beziehung zu dieser Geschichte hat sich darüber verändert. Das Leid ist in diesen symbolträchtigen Ort eingebrannt, in das Licht des Raumes und in die Wege, die wir zu Fuß zurücklegten.
Mein Großvater verließ Neuengamme am 29. Mai 1944 und wurde zwei Tage später in das Lager Fallersleben-Laagberg in Wolfsburg eingeliefert. Fast ein Jahr lang war er dort zusammen mit 800 anderen Männern interniert und musste unter härtesten Bedingungen für Volkswagen arbeiten.
Als wir dort ankamen, sahen wir gleich die hohen Schornsteine des VW-Werkes, die noch immer über Wolfsburg thronen. Wir durchquerten die Stadt, um das Gelände des ehemaligen Lagers zu erreichen. Davon ist fast nichts mehr übrig, heute stehen hier ein Lidl, eine Tankstelle und mehrere Gebäude. Diese so normal wirkende Umgebung irritierte sehr. Nur zwei schlichte Denkmäler erinnern. Die Fundamente der alten Baracken wurden zusammengetragen und sind nur von einem einfachen Segeltuchdach geschützt. Ein paar unscheinbare Steine neben einem städtischen Knotenpunkt, doch für die meisten Passant*innen sind sie wohl unsichtbar und bedeutungslos.
Bruchstücke der Erinnerung werden sichtbar
Wir versuchen, diese Bruchstücke der Erinnerung zusammenzufügen, und schlängeln uns zwischen Autos und Supermarktkunden hindurch. Anhand einer alten Lagerkarte versuchen wir, den Standort zu lokalisieren. Nach und nach traten vor unseren Augen die Baracken wieder an ihre Stelle. Die Gegenwart überlagert die Vergangenheit, ohne sie jemals vollständig auslöschen zu können. Wir mussten lernen, die Dinge anders zu betrachten, um sie wieder zum Leben zu erwecken.
Am 7. April 1945 wurden die letzten Häftlinge des Lagers Fallersleben-Laagberg mit dem Zug nach Wöbbelin gebracht, wo sie am 13. April eintrafen. In einem kleinen Museum fanden wir in einer langen Liste auch den Namen meines Großvaters: Eugenio Iglesias Fernández.
Ein paar Kilometer entfernt, inmitten von Feldern, erreichten wir das Gelände. Die Stille ist beeindruckend. Wir hatten erwartet, einen riesigen Komplex vorzufinden; aber der Ort ist überraschend klein, wo in den letzten Kriegswochen fast 5.000 Gefangene zusammengepfercht waren. Wir gingen zwischen den Bäumen umher, inmitten der verschwundenen Gebäude. Ein Lager der Qual, ohne jedes Leben. Tausend Männer kehrten von dort nie zurück. Mein Vater fasste es so zusammen: „Man spürt hier sofort eine unerträgliche Abscheu gegenüber der Menschheit und tiefen seelischen Schmerz. Durch die Geschichten der Deportierten inmitten der Gebäuden vorbeigeht, versetzt man sich in ihre Lage. Einige Menschen sind zurückgekehrt, um die Orte ihrer Qualen wieder zu sehen; andere nicht, auch mein Vater. Es ist zu schwer. Selbst ich als sein Sohn bin zusammengebrochen.“
Wir verlassen Wöbbelin zu Fuß. Während wir die Straße entlang in Richtung Ludwigslust gehen, folgen wir dem Weg, den mein Großvater nach der Befreiung des Lagers am 2. Mai 1945 genommen hat. Er wog nur noch 35 Kilo und litt an der Ruhr. Wir stehen vor dem Bahnhof, unweit des Krankenhauses, in dem er behandelt wurde, bevor er am 16. Mai nach Frankreich zurückgeführt wurde. Das Ende des Albtraums.
Der Aufenthalt vor Ort ermöglicht es uns nicht, die Vergangenheit wieder zu erleben, sondern verändert die Art und Weise, wie wir sie verstehen. Während Archive einen historischen Verlauf nachzeichnen, verleihen Landschaften dieser Geschichte ein echtes Gefühl für ihre Dimensionen. Während die letzten noch lebenden Zeitzeug*innen sterben, bleiben diese Orte die letzten stillen Hüter dieser Geschichte. Familienerinnerungen verflechten sich mit diesen Schauplätzen des Grauens. Lebensgeschichten tragen dazu bei, ein kollektives Gedächtnis zu formen. Hinter jedem Bahnhof, jedem Wald oder jedem wiederaufgebauten Stadtviertel bleiben Spuren der Männer und Frauen zurück, deren Leben durch den Faschismus vorzeitig beendet wurde. Eine unauslöschliche Erinnerung, die es uns ermöglicht, auch unsere Gegenwart zu hinterfragen.
Am Ende unserer Reise war mein Vater fassungslos: „Ich dachte, ich würde den Spuren meines Vaters in den Konzentrationslagern folgen, in die er deportiert worden war. Doch durch all die Besuche, Reden und Zeugenaussagen versetzte ich mich in die Lage jedes Deportierten, jedes Einzelnen, der in einer unermesslichen Hölle gefangen war. Ich wurde Pole, Russe, Italiener, Jude … Ich wurde wie sie. In meiner Vorstellung war ich in diesen Lagern eingesperrt. Ich war bei meinem Vater und bei ihnen. Bei all den Elenden dieser Erde, die das Schlimmste unserer jüngsten Geschichte durchlebt haben. Diese Geschichte, für die wir keine Worte finden, um sie zu beschreiben.“
Wir waren aufgebrochen, um den Spuren unseres Vaters und Großvaters zu folgen. Wir kehrten mit der Erinnerung an Tausende andere zurück.
Laura Iglesias studierte in Frankreich Soziologie, Geschichte und Internationale Beziehungen. Von September 2025 bis August 2026 war sie ASF-Freiwillige in der Gedenkstätte Augustaschacht bei Osnabrück. Ihr Freiwilligendienst fand im Rahmen des Europäischen Solidaritätskorps (ESK) und wurde durch die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und die Hans und Berthold Finkelstein Stiftung gefördert.