- Aus dem Freiwilligenalltag ,
- Frankreich
50 Jahre ASF in St. Jean le Blanc: Ein kleines Dorf voller Freiwilliger
Seit 1976 leben und arbeiten deutsche ASF-Freiwillige in dem kleinen Dorf St. Jean le Blanc zwischen Feldern, Wiesen und Hecken im grünen Hinterland der Normandie in Frankreich. Anlässlich des 50. Geburtstags wurden alle ehemaligen Freiwilligen zu einer Jubiläumsfeier mit der Dorfgemeinschaft eingeladen. Es kamen viele jüngere und ältere Ehemalige und das halbe Dorf zusammen, um drei Tage lang diese besondere Verbindung zu feiern.
Das Projekt „St. Jean le Blanc – Les Volontaires au Bocage“ entstand auf Initiative von Freiwilligen und zeichnet sich bis heute durch seine einzigartige Organisationsstruktur aus: Die Freiwilligen planen ihren Arbeitsalltag selbstständig und stimmen sich dafür mit den Mitgliedern des Vereins „Les Volontaires au Bocage“ ab: Was ist zu tun? Wo wird Hilfe gebraucht?
Zwei Freiwillige kommen jedes Jahr, um auf rund 10 umliegenden Höfen zu helfen: beim Tiere füttern und Stall entmisten, beim Säen, Jäten und Ernten (Obst, Kräuter und Gemüse), beim Hecken schneiden und Zäune richten, Brot backen und bei der Käseherstellung. Viele Höfe sind genossenschaftlich organisiert und arbeiten biologisch. Zudem unterstützen die Freiwilligen 15 Privatpersonen (Handwerker*innen, Künstler*innen, Senior*innen) und arbeiten in einem kleinen Kino und in einer Bibliothek mit.
Überall wurden immer schon Hände gebraucht und überall dort waren die Freiwilligen rasch willkommen und bekannt. Mittags essen die Freiwilligen dann mit den Mitgliedern. So wurden sie schnell Teil der Dorfgemeinschaft. Dabei geht es nicht nur um die Arbeitskraft der Freiwilligen, sondern um eine freundschaftliche Partnerschaft. Es ist eine ganz besondere Form des internationalen Austauschs mitten in der Provinz, der auch über Generationen hinweg reicht – viele der Mitglieder sind doppelt bis viermal so alt wie die Freiwilligen. Bei Tisch kommt es dann zu anregenden Gesprächen mit den Menschen, die oftmals eine alternativ-aktivistische, mit der Natur im Einklang lebende Philosophie verfolgen, die sie gerne mit den Freiwilligen teilen und diskutieren.
Trotz ländlicher Idylle sind Kriegsspuren noch sichtbar
Diese ländliche Idylle hat dabei einen ernsten historischen Hintergrund: Noch in den 1970er-Jahren waren die Spuren der deutschen Besatzung und der brutalen Kämpfe zur Befreiung Frankreichs und des Kontinents sichtbar. Die deutsche Besatzungsmacht baute die Region zur Festung aus, Tausende wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet und nach Deutschland verschleppt. Bei der alliierten Landung an den Stränden der Region wurden viele Orte bombardiert, danach kämpften sich die Truppen durch die dichte Heckenlandschaft. Viele Anwohner*innen mussten fliehen, ganze Ortsteile wurden zerstört, Felder voller Blindgänger und Munition blieben zurück.
Diese schmerzhaften Erfahrungen passten nach Kriegsende lange nicht in den offziellen Erinnerungsdiskurs, erst ab den 1990er-Jahren kam es in der Region, vor allem entlang der Landungsstrände zu einem wahren Boom des Gedenktourismus. Doch neben den großen Gedenkstätten und offiziellen Zeremonien hat sich in den vielen kleineren Orten ein eigenes Erinnern „von unten“ entwickelt. St. Jean le Blanc ist dafür ein Beispiel. Einige der älteren Vereinsmitglieder haben die Besatzung und die Befreiung noch als kleine Kinder miterlebt und erzählten den Freiwilligen davon. Ein Freiwilliger berichtete, dass noch knapp 80 Jahre nach Kriegsende ein älterer Herr erzählte, vor bestimmten deutschen Wörtern Angstzustände zu bekommen. Seine Bitte an die Freiwilligen: „Fühlt euch nicht schuldig für die Vergangenheit, aber übernehmt Verantwortung für eure Gegenwart und Zukunft. Geht mit den Leuten in den Dialog. Und verliert niemals eure Hoffnung und eure Menschlichkeit“. Umgekehrt ging eine junge Frau aus dem Dorf mit ASF ins internationale Freiwilligenprogramm in Deutschland.
Das Festwochenende wurde vom Verein „Les Volontaires au Bocage“geplant. Viele halfen dabei, im Dorf Übernachtungsplätze und Verpflegung zu organisieren. Auf der Ferme d’Escures fand dann Anfang August ein Wochenende mit 200 Personen, darunter 50 ehemaligen Freiwilligen statt. Viele Menschen in der Region verbindet diese Kooperation und zahlreiche ehemalige Freiwillige in ganz Deutschland und anderen Ländern teilen diesen Bezug zu diesem Ort in der Normandie.
Am ersten Abend saßen dann anciens volontaires jeden Alters bei einem Glas Apfelsaft zusammen. Untereinander kannten viele sich noch nicht, alle Neuankömmlinge wurden mit einem herzlichen „…und in welchem Jahr hast du deinen Dienst geleistet?“ begrüßt. Tags darauf gab es Kennlernspiele und die traditionellen Galettes. In kleineren Gruppen wurden anschließend verschiedene Orte besucht, wo Freiwillige in diesem Jahr oder in der Vergangenheit arbeiteten. Zwei Filme (eine alte ZDF-Produktion sowie ein Kurzfilm eines Freiwilligen Anfang der 2000er Jahre) sowie eine Ausstellung mit hunderten Fotos, Freiwilligenberichten und Tipps für die jeweiligen Nachfolger*innen zeigten eindrücklich, wie viel sich über diese Zeit verändert hat, wie viel sich aber auch die Jahrzehnte des Engagements bis heute zieht und erhalten ist. Abends traten lokale Bands auf und später in der Nacht schallten die Lieder aus einer deutsch-französischen Playlist über den Hof.
Alle brachten ihre eigene Geschichte mit und hinterließen Spuren
Elisa Caron vom Freundeskreis resümierte am Ende: „Alle Freiwillige kommen mit ihrer je eigenen Geschichte, Persönlichkeit und Erwartungen. Alle machen einzigartige Erfahrungen, knüpfen eigene Beziehungen zu den Gastfamilien, den Helfer*innen und Nachbar*innen. Sie entdecken eine völlig neue Umgebung, eine andere Kultur und neue Fertigkeiten mit Einblicken ins ländliche Leben. In der Bocage haben sie unser Leben geteilt und ihre Spuren hinterlassen. Sie haben ihre eigene Kultur mitgebracht und gehen in Freundschaft, die die Jahrzehnte fortwährt.“
Kein anderes Projekt der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hat es wie dieses geschafft, 50 Jahre lang den Geist des Friedens und der deutsch-französischen Freundschaft weiterzutragen und im selben Atemzug ökologische und tief demokratische Werte zu vermitteln.
„Mais nous sommes décidés / Au lieu de faire la guerre / „Débarquer“ dans vos fermes / Pour faire la paix et êtr‘ de bons copains“
„Aber wir sind entschlossen / Anstatt Krieg zu führen / Auf euren Höfen aufzukreuzen / Für den Erhalt des Friedens und der Freundschaft“
(Klaus Mersmann & Peter Splieth, Auszug aus Liedtext zur 10-Jahresfeier 1986, aktualisiert 2026)
Lucie Wiersing und Maxim Janke leisteten bis September 2026 ihren ASF-Freiwilligendienst in St. Jean le Blanc. Ihr Dienst fand im Rahmen des Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) statt und wurde vom Service Civique gefördert.